Eine kurze Geschichte der Hypnose zum Abnehmen
Der Wunsch, mit Hypnose abzunehmen, ist einer der häufigsten, mit dem sich Menschen an mich und andere Hypnotherapeut*innen wenden. Doch wer sein Gewicht verändern möchte, trifft die Entscheidung zwar oft für sich und doch nie auf neutralem Boden. Denn wir alle stehen auf jahrtausendealten Schichten, in denen Ideen über dick und dünn, gesund und ungesund, natürlich und künstlich, normal und unnormal liegen. Und auch wenn diese Ideen nicht immer sichtbar sind, weil sie im Lauf der Zeit verschüttet oder überbaut wurden, so sind sie nach wie vor in uns wirksam.
Eine dieser Ideen, Hypnose zum Abnehmen, wird heute oft als „Quick Fix“ angeboten: schnell, wundervoll, magisch, fast wie im Traum lassen sich damit Kilos reduzieren. Viele Hypnotiseur*innen bieten speziell aufs Abnehmen ausgerichtete Pakete mit Preisen von 400 bis 4000€ an. Ohne Mühe und Gefahren und mit angeblich 90 prozentigem Erfolg verspricht Abnehmhypnose – ähnlich wie andere Abnehm-Methoden – vieles um die Pfunde purzeln zu lassen. Dabei ist es nicht immer einfach, zwischen unlauterer Geldschneiderei und wissenschaftlich fundierter Methode, zwischen Wahrem und Übertriebenem oder gar Gelogenem zu unterscheiden. Denn Hypnose zum Abnehmen reiht sich nicht nur in eine Geschichte über Körper und Körper-Modifikationen ein, in der noch vieles unerforscht und nichts unversucht blieb, sondern ist auch selbst seit Jahrhunderten Gegenstand der Frage: wahr oder unwahr?
Die Geschichte des Abnehmens zeigt, dass die Normen mit denen und die Ideale, an denen wir unsere Körper messen, ein Ergebnis jahrtausende alter Ideen, Interessen und Institutionen sind. Jede Abnehm-Methode, mit der gearbeitet wird – auch Hypnose – muss sich fragen lassen, welchen Normen und Idealen sie aus welchen Gründen dient. Großartigerweise und mehr und besser als andere Schlankheitsmittel und -Methoden jedoch können Hypnose und Hypnosystemik (ähnlich wie andere therapeutische oder coachende Methoden, die mit inneren Anteilen arbeiten) bestens geeignet sein, diese großen Normen, Ideale und Ideen erkenn- und verhandelbar zu machen um die eigenen Normen, Ideale und Ideen der Menschen eines liebevollen, würdigen und selbstbestimmten Lebens im und mit dem eigenen Körper herauszufinden und umzusetzen.
Bevor ich auf einzelne Studien zur Wirksamkeit von Hypnose bei Übergewicht eingehe, möchte ich deshalb einen etwas umfangreicheren Blick auf die Geschichte dessen versuchen, was als Übergewicht bezeichnet wird: von einer 30.000 Jahre alten Steinzeit-Statue über antike Models, einen Arzt, der sich und seine Ausscheidungen 30 Jahre lang wog, ein besetztes Obervatorium in Belgien, eine kurze Abnehm-Manie, Wundermittel bis hin zu Foucault bei den Weight Watchers.
Erst hüh, und dann (30.000 Jahre später) hott!
Vielleicht fällt manchen von uns beim Thema Übergewicht die steinzeitliche Mini-Statue einer voluminösen Frau ein – die über 30.000 Jahre alte Figurine der Frau von Willendorf. Diese und zahlreiche ähnliche Figuren aus der Jungsteinzeit, gelten als früheste Darstellungen menschlicher Körper. Eindeutig ist die Fülle des Leibs mit breiten Hüften, markanten Brüsten, halb vorstehendem, halb hängendem Bauch und ausgeprägtem Po. Diese Darstellungen sind während des Höhepunkts der letzten Eiszeit entstanden. Sie stammen von Fundstätten, die näher an den Gletscherfronten lagen, welche damals quer durch Europa verliefen. Vermutlich waren diese Statuen in den strengen klimatischen Bedingungen der Jungsteinzeit ein Überlebenssymbol, um Fruchtbarkeit und Überleben von Müttern und Neugeborenen zu sichern. (Johnson et al. 2020)

Pythagoras Eingebungen aus dem All

Das Image der runden Körperform änderte sich allerdings spätestens in der Antike grundlegend. „Schuld daran“ war nicht zuletzt Pythagoras und sein um 530 v.Chr. von gegründeter Kult und Think-Tank. Die Pythagoräer*innen glaubten an Seelenwanderung und die Allmacht der Zahlen. Sie wollten die Mißstände in den politischen Verhältnissen mit Hilfe von Mathematik und dem Prinzip der kosmischen Harmonie beheben. Der Kosmos war damals ein großes Thema: von den Babylonier*innen kamen neue Geräte und Verfahren zur Erkundung der Sterne ins antike Griechenland. Mit deren Hilfe hatten die Pythagoräer*innen entdeckt, dass der Kosmos in perfekter Balance und Harmonie war. Jedenfalls erschien es ihnen so, dass die Erde und eine hypothetische Gegenerde sowie andere Planeten in still klingender Harmonie um ein großes Zentralfeuer kreisten. Und wäre es nicht toll, den Staat genau so perfekt zu organisieren, wie es der Kosmos war? Das Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten könne den Abständen der Planeten entsprechen, die Regierungsform sich an „kosmischen Gesetzen“ orientieren und Musik sollte nur noch auf Basis der Verhältnisse und Klänge der Sterne komponiert werden.
„Die Zahl ist die Herrscherin über Formen und Ideen und der Ursprung der Götter und Dämonen. Im Summen der Saiten liegt Geometrie, im Abstand der Sphären liegt Musik.“
Pythagoras von Samos – 570 – 486 v.u.Z.
Diese Idee und der Einsatz der Pythagoräer*innen für die totale Harmonisierung des Staates führte jedoch schon bald zu unharmonischen Auseinandersetzungen mit Anhänger*innen anderer Ideen und zu Vertreibung und Aussterben der Pythagoreer*innen.
Alkmaions Balance
Und wenn auch die Pythagoräer*innen abserviert wurden, so wurde dennoch die Idee, dass sich Harmonie im Staate durch eine Art der kosmischen Balance von Gegensätzen erreichen ließe, nicht nur weiter getragen, sondern auch übertragen:
Denn während diese Idee zunächst nur ein politisches Prinzip der Beziehungen zwischen Obrigkeit und Bürgern sein sollte, „infizierte“ Alkmaion von Kroton, ein Arzt und Pythagoras-Fan um 470 v. Chr. die Medizin mit dieser Idee der kosmischen Balance von Gegensätzen. Alkmaion bezeichnete Gesundheit als isonomía – ein Gleichgewicht bzw. eine Ausgewogenheit der gegensätzlichen Kräfte (Feucht – Trocken, Kalt – Warm, Bitter – Süß) im Körper – Krankheit dagegen als monarchía: Dominanz eines der beiden Gegensatzpole. μοναρχία [monarchía – Vorherrschaft] und ισονομία [isonomía – Ausgeglichenheit] waren ursprünglich politische Begriffe. Sie bezeichneten die Alleinherrschaft eines von zwei Gegenpolen bzw. die für Ausgleich sorgende Gleichberechtigung und Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz.
„Das Gleichgewicht (Isonomie) der Kräfte (feucht, trocken, kalt, heiß, bitter, süß usw.) erhält die Gesundheit, während eine Monarchie unter ihnen Krankheiten hervorruft.„
Alkmaion von Kroton 5. Jh v..u.Z.
So wandte Alkmaion die pythagoreische Idee vom harmonisch ausbalancierten Kosmos auf den Körper an: auch hier könne durch die Balance von Gegensätzen eine Art Harmonie oder innere Demokratie der Körperkräfte erreicht und Krankheit als Tyrannei eines Übermaßes überwunden werden. Diese Denkweise – die Verschmelzung von Körper und Politik – sollte die weitere Geschichte des Abendlandes prägen. (Stanford Encyclopedia pf Philosophy).
Polyklets Balance


Etwa zur Zeit Alkmeions (450 v.u.Z.) schuf Polyklet – ein Bildhauer, der ebenfalls im antiken Griechenland lebte – eine Art von Lehrbuch für andere Bildhauer mit Richtlinien zur Darstellung menschlicher Körper. Dieses Kanon genannte Lehrbuch war an den Zahlen-Ideen und Gesetzmäßigkeiten ausgerichtet, die Pythagoras ca. 100 Jahre vorher als „kosmische Ordnung“ bezeichnet hatte. Aufbauend auf diesen Ideen beschrieb Polyklet hier die idealen Maßverhältnisse des menschlichen Körpers. Praktisch: Polyklet lieferte gleich eine Reihe von Beispiel-Statue mit, die diese Ideen und Maße verkörperten. Die bekannteste davon ist der Speerträger Doryphorus. Er wurde zum Modell, zum Muster, und es sollte lange Zeit das Vorbild aller weiteren Statuen des Menschen bleiben. Sie sind heute noch in allen Antiken-Sammlungen zu sehen und erlebten in Nazi-Deutschland eine kurze zeitgenössische Wiedergeburt.
Die Aufzeichnungen des Polyklet allerdings gingen verloren. Dass es aber ausgerechnet ein Heilkundler ist – der berühmten griechischen Arztes Galen – der die bis heute einzige Überlieferung der geometrischen Abhandlung des Polyklet liefert, ist kein Zufall.
„Alle Symmetrien des Körpers hat uns Polyklet in seiner Schrift gelehrt; in seinem Werk hat er diese Lehre bekräftigt, indem er ein Standbild schuf gemäß den Vorschriften in seiner Abhandlung und das Standbild selbst dann »Kanon« nannte wie auch seine Schrift.“
Galen 130-217 u.Z.: De Placitis Hippocratis et Platonis 5, 449
Denn das Denken beider – Arzt Alkmaion und Bildhauer Polyklet – hatte pythagoreische Wurzeln. Gleichgewicht, Symmetrie und Harmonie begannen zu dieser Zeit sowohl in der Darstellung von Körpern als auch in der Medizin eine große Rolle zu spielen. So wie Alkmaion eine gute Gesundheit als Gleichgewicht der inneren körperlichen Kräfte verstand, so sollte auch Polyklets perfekte menschliche Skulptur ein Gleichgewicht von Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung verkörpern. Medizin und Bildhauerkunst greifen hier auf das selbe philosophische Grundprinzip zurück – beide sind Töchter derselben pythagoreischen Idee, nach der alles Zahl ist.
Mit der Frau von Willendorf hatten die nach Polyklets Richtlinien entstandenen Statuen nun kaum noch etwas gemein – ihr Gleichgewicht aus Stand- und Spielbein war das genaue Gegenteil von Fülle.
Hippokrates und Galen – Von der balancierten Monarchie zu Schleim, Blut und Galle (400 v.u.Z.)


„Diese verschiedenen Arten der Reibung kann man anhand dieser Abbildung erkennen bzw. lernen. … Harte Reibung hat die Wirkung, den Körper zu festigen bzw. zusammenzuziehen; weiche, ihn zu lockern; reichliche, ihn abzumagern; mäßige, ihn kräftiger bzw. voller werden zu lassen; so lehrt es uns Hippokrates.“
Der Arzt und Philosoph Hippokrates (460–377 v. Chr.) erweiterte Alkmaions Modell der zwei Gegenpole, die für ein gutes Leben gut balanciert sein müssen, um zwei weitere Antagonisten, bzw. er tauschte die ganze Mannschaft aus. Tyrannei und Gleichberechtigung verließen den Körper und es wurde handfester. Die Körperfunktionen wurden jetzt mit vier Körpersäften erklärt, die miteinander im richtigen Verhältnis stehen müssen: Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle. Diese Säfte konnten jeweils in den Versionen feucht vs. trocken und warm vs. kalt auftreten. Eine falsche Kombination dieser Punkte sorgte für Krankheit und die richtige für Gesundheit. Vor allem die Verbindung Schleim-kalt-feucht war für Korpulenz verantwortlich. Denn überschüssiges, träges und kaltes, feuchtes Material lagerte sich so im Körper ab, statt „verarbeitet“ zu werden. Um Abzunehmen war es also nötig, Ernährung, Bewegung und Schlaf so anzupassen, dass der Körper trocknet und warm wird. Dafür wurden Spazierengehen, Laufen, Ringen und andere Übungen empfohlen, zusammen mit Bädern, Massagen, Ruhe und einer „angemessenen“ Lebensweise. (Christopoulou-Aletra, 2007)
Mit wärmenden Speisen gegen Übergewicht (150 u.Z.)
Der griechische Arzt und Hippokrates-Schüler Galen (129–ca. 216 u.Z.) entwickelte Hippokrates‘ Ideen zum Körpergewicht 600 Jahre später weiter. Das beinhaltet nicht nur „gesund vs. korpulent“, sondern ein Dreierschema: Leptotes (krankhafte Magerkeit), Euexia (die gesunde, moderate Mitte guter Körperbeschaffenheit) und Polysarkia (krankhaftes Übermaß an Fleisch/Fett). Galen zählte übrigens auch übertriebene Athletenkörper eher zur pathologischen Seite als zum Ideal – Euexia war ein Mittelmaß, kein Maximum.
Galen nahm an, dass zu viel Nahrung zu einem Überschuss an Blut im Körper führte. Für Dickheit hieß die Therapie: reduzierte Nahrungsmenge, wärmende/trocknende Speisen wie Radieschen, Essig und Pfeffer sowie Bewegung, außerdem Abrubbelungen und Massagen sowie gegebenenfalls Abführ- und Brechmittel zur direkten Ausleitung.
Der selben Logik, werden Therapien des Übergewichts noch in der frühen Neuzeit folgen – heiße, scharf gewürzte, saure Speisen, die das Blut „wärmer und schärfer“ machen sollten: Noch die Ärzt*innen des 16./17. Jahrhunderts werden diese antiken Diät-„Tipps“ von Hippokrates und Galen weitergeben.
Die Medizin entdeckt die Waage (1614)

Im Jahr 1614 geschah etwas, dass die Geschichte des Übergewichts und der Medizin für immer und fundamental verändern sollte. Der Arzt Santorio Santorio (1561–1636) – Professor für theoretische Medizin an der Universität Padua und ein Freund Galileo Galileis – zweckentfremdete ein bis dato für den Handel erfundenes Messinstrument für medizinische Zwecke. Er benutzte eine Waage, genauer eine Sitz-Waage, um über 30 Jahre hinweg sich selbst, sein Essen, sein Trinken und seine Ausscheidungen zu wiegen. (Hollerbach 2018) Es heißt, er hätte sich sogar eine Bett-Waage gebaut, um zu messen, wie sich sein Gewicht durch Schlaf oder Sex veränderte.
Padua war um 1600 der wohl wichtigste Ort Europas für empirische Naturforschung – die Universität stand unter der Kontrolle der mächtigen Republik Venedig, nicht unter der des Papstes. Das heißt, die relative Unabhängigkeit Paduas von der Kirche schuf das Zeitfenster, in dem eine derart empirische, autoritätsferne Forschung überhaupt gedeihen konnte. Und in dem Santorio der erste Self-Tracker der Welt wurde.
„Wenn jemand feststellt, dass sein Gewicht an einem Tag durch unmerkliche Ausdünstung [perspiratio insensibilis] um fünf Pfund oder mehr abgenommen hat, so ist er gesund.“ – Santorio Santorio
Was Santorio mit seiner Waage herausfand, nannte er perspiratio insensibilis: Ein Großteil dessen, was ein Mensch isst und trinkt, entweicht unmerklich über Haut und Atem, ohne durch sichtbare Ausscheidung erklärbar zu sein – etwa 1.2 Kg pro Tag.
Santorio begründete mit seinem Langzeit-Experiment eine Methode, die bis heute als Grundlage der Medizin gilt: durch Messen lassen sich körperliche Vorgänge und Zusammenhänge vorstellbar machen, be- und verhandeln und kontrollieren. Diese waren bis dahin nur durch die Sinne (Fühlen, Riechen, Schmecken…) oder Spekulation begreifbar. Santorios Waage diente einer Form instrumenteller Selbstbeobachtung, in der durch eigene Erfahrung neues und abstrakteres Wissen über den Körper gewonnen werden konnte. Vorher gab es keine Vorstellung davon, dass man einen Menschen über Wochen wiegen könne, um daraus etwas Verlässliches über ihn oder seinen Stoffwechsel zu lernen. Im 20. Jahrhundert wird diese historische Messpraxis schließlich verwandelt in eine individuelle Aufforderung zu Selbstkontrolle, Selbstoptimierung und Anpassung an normative Körperbilder.
Die Industriealisierung des Körpers – korpulent, krank, kaputt

Bevor ich die Weiterentwicklung von Medizin und Wissenschaft zur Zeit der Industrialisierung (ca. 1830-1914) betrachte, möchte ich kurz auf das Bild der Korpulenten in der Öffentlichkeit eingehen. Mitte des 19. Jahrhunderts kursierte eine zeitgenössische „Statistik“, der zufolge Korpulente, freundlich und treu waren, seltener Suizid begingen, seltener kriminell würden und sich seltener seltener an Revolutionen beteiligten als Schlanke. Körperfülle war nicht nur kein medizinisches Risiko, sondern ein politisches Loyalitätssignal. Korpulenz war eher eine unklar umrissene Unpässlichkeit, „angesiedelt im neutralen Feld zwischen Gesundheit und Krankheit“. (Spiekermann, 2022) Wenn überhaupt sehr starke Korpulenz soetwas wie Gegenmaßnahmen erforderte, galten immer noch die Tipps der Antike: weiche, flüssige und sehr nahrhafte Speisen, starkes Bier und Fette, denen Kräuter-, Obst- und Gemüseextrakte zugegeben wurden, um das dicke Blut zu verdünnen und Nahrungsstoffe besser abfließen zu lassen (ebd.) – zu Ähnlichem hätten auch Hippokrates und Galen in der Antike geraten.
Dass die systematische medizinische Auseinandersetzung mit Übergewicht im Zuge der Industrialisierung überhaupt an Fahrt aufnahm, hatte mehrere Gründe. So gab es schlicht mehr zu behandeln: Mit Liebigs Fleischextrakt, Kondensmilch, Großbrauereien und globalem Zuckerhandel veränderte sich die Nahrungsmittelversorgung geschichtlich einzigartig und zwar während eine wachsende bürgerliche Schicht zunehmend am Schreibtisch saß statt auf dem Feld arbeitete.
Und auch der ärztliche Blick auf Dicke ändert sich in dieser Zeit. Zunächst war eine gewisse Fülle bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nicht nur ein Zeichen von Loyalität und Gemütlichkeit, sondern auch für Gesundheit, denn dickere Menschen waren statistisch gesehen krankheitsresistenter. Die Tuberkulose, auch Auszehrungskrankheit genannt, tötete im 19. Jahrhundert ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung in Europa. Vor allem Menschen ohne körperliche Reserven und Jugendliche erkrankten oder starben daran. Durch Hygienekampagnen und die Heilstätten-Bewegung konnte die Tuberkulose jedoch zurückgedrängt werden, sodass sie als Krankheits- und Todesursache zurückging. Und da Lebensversicherer ab den 1890ern begonnen hatten, systematisch Gewicht und Sterblichkeit ihrer Versicherten in Tabellen zu erfassen, war ab 1912 statistisch nicht mehr Magerkeit, sondern Übergewicht das größere Sterberisiko. Die Auszehrungskrankheit, die für dünne Körper vorher so gefährlich war, war auf den Sterbetafeln nach hinten gerückt. Das Übergewicht hatte sie überholt.
Auch neues ernährungsphysiologisches Wissen machte Korpulenz als Risiko vorstellbar: Max Rubner, Begründer der modernen Ernährungsphysiologie und ab 1891 Lehrstuhlinhaber für Hygiene in Berlin, rechnete Arbeitern in seinen Schriften zur Volksernährung vor, ihr geliebtes Wurstbrot sei kalorisch betrachtet ein Verlustgeschäft. Der Körper wurde zunehmend als Maschine betrachtet, dessen Treibstoff sich erstmals beziffern und optimieren ließ. Auch dieses Bild trug dazu bei, Korpulente als vermindert-optimal leistungsfähig oder uneffektiv zu betrachten.
Schlankheit wurde zum bürgerlichen Distinktionsmerkmal: Ein explizit „schlanker, produktiver Körper“ setzte das Bürgertum vom (traditionell stattlichen) Adel ebenso ab wie von den unteren, oft noch nahrungsunsicheren Schichten. Und schließlich professionalisierte sich die Ärzteschaft selbst in genau diesen Jahrzehnten: mehr zahlungskräftige, gesundheitsbewusste Patient*innen trafen auf mehr miteinander konkurrierende Ärzte, die nun langsam auch mehr zum Thema Übergewicht befragt wurden. Und oft nur die Ernährungsratschläge von Galen und Hippokrates geben konnten (ebd.). Das medizinische Wissen zum Übergewicht begann sich in dieser Zeit ganz neu zu entwickeln. In Konkurrenz dazu wurden zu dieser Zeit auch die ersten Schlankheitspräparate wie das wirkungslose Antipostin massenhaft beworben und vertrieben. (Spiekermann 2021)
Ein Bestattungsunternehmer nimmt ab
Einen erstaunlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte ein Amateur auf dem Gebiet der Gesundheit. Damals war es nicht unüblich, dass sich autodidaktische, oft aus eigener Krankheit zum Heilkundler gewordene, medizinische Laien wie Kneipp, Prießnitz oder Bilz öffentlich zu gesundheitlichen Fragen äußerten und die allgemeinen Ansichten zu Gesundheit und Therapien stark beeinflussten.
Der einflussreichste Laie im Bezug auf Übergewicht war der Londoner Bestattungsunternehmer und Hof-Bestatter des englischen Königshofes William Banting. Er nannte sein eigenes Übergewicht einen „Parasiten“, musste Treppen rückwärts steigen und konsultierte über die Jahre hinweg mehr als zwanzig Ärzte. Doch die angeratenen Ruderausflüge steigerten seinen Appetit und sein Gewicht und auch heiße türkische Bäder halfen nichts. Also begann er auf Anraten eines Ohrenarztes eine Diät. Er mied Brot, Butter, Milch, Zucker, Bier und Kartoffeln. „Erlaubt“ waren mageres Fleisch und Fisch, Obst und Gemüse, Wein, Tee und abends Grog oder Sherry. Banting veröffentlichte diese Diät 1863 in seinem „Letter on Corpulence“ und spendete sämtliche Erlöse an wohltätige Zwecke – noch bei der vierten Auflage 1869, da waren es bereits 13.000 verkaufte Exemplare. Als Hofbestatter konnte Banting sich das leisten und so wurde sein Letter das erste breitenwirksame Diätbuch der Geschichte. Sein Name ging so sehr in den Sprachgebrauch ein, dass „to bant“ im Englischen – und „bantning“ im Schwedischen – bis heute umgangssprachlich für „eine Diät machen“ stehen. Innerhalb weniger Monate wurde „Bantingism“ zur eigenen Marke: Banting-Zwieback (ab 1865 in Wien erhältlich), Banting-Halskrägen und -Krawatte. Banting hatte die Diät zum Massen-Phänomen gemacht, das zumindest für zwei Jahre bis zum Deutschen Krieg 1866 im Fokus des öffentlichen Interesses stand. (Spiekermann, 2022)
„Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich noch nie so gut gelebt habe wie unter der neuen Ernährungsweise, die ich früher für einen gefährlichen, übertriebenen Eingriff in die Gesundheit gehalten hätte.“
– William Banting 1863 – Letter on Corpulence

Himmelskörper (again), Schottische Soldaten, Versicherungen
Wieder mal Startistik
Noch bevor Banting eine intensive aber kurze Diät-Manie auslöste, begann der belgische Wissenschaftler Adolphe Quetelet in den 1830er Jahren Methoden zur Himmelsbeobachtung auf eine ganz unvorhergesehene und originelle Art und Weise zu nutzen. Auf eine Art, die alsbald gleichermaßen zum Schutz von Gesundheit und Leben der Menschen genutzt werden würden, wie zu deren gezielter Tötung.
Als junger Mensch wollte Adolphe Quetelet Musiker und Dichter werden. Mit 20 schrieb er zusammen mit seinem Freund Georges Dandelin das Libretto zur Oper „Jean Second ou Charles-Quint dans les murs de Gand“ (Donnely, 2014), die 1816 in Gent zweimal aufgeführt wurde. Der Vater des Freundes jedoch sabotierte die Aufführungen und der Jugendtraum wurde beerdigt. Quetelet wandte sich seiner anderen großen Begabung zu: der Astronomie. Mit 23 wurde er zum Doktor der Mathematik und – da es im von Holland besetzten Belgien, wo er wohnte, noch kein Observatorium gab – überredete er die Regierung eins zu bauen. Während der Bauzeit reiste er durch Europa um in anderen Observatorien zu lernen, Sterne zu beobachten und deren Bahnen vorherzusagen. Während seiner Reise und bevor sein Observatorium jedoch eröffnet werden konnte, brach in Belgien – ausgelöst durch eine Oper – die Revolution gegen die calvinistischen Holländer aus, die zunehmend als Besatzer wahrgenommen wurden. Quetelets im Bau befindliches Observatorium wurde von den Aufständigen als Waffenlager genutzt.
Quetelet schien die Sache sportlich zu nehmen: Wenn er nicht Sterne beobachten könne, warum nicht die Methoden der Astronomie auf Menschen anwenden und Vorhersagen zu derem künftigen Verhalten aufstellen? Und das machte er dann auch.


Aber wie machte Quetelet das eigentlich? Die Antwort darauf ergibt eine Parallele zur Geschichte der Pythagoräer*innen. Denn wie diese es 500 v.u.Z. taten, wird der Blick in die Sterne erneut zu Vorschriften und Regeln führen, die das Leben auf der Erde direkt beeinflussen.
Eine der üblichen Arbeiten von Astronomen im 18. Jahrhundert war es, die Geschwindigkeit von Himmelskörpern zu messen um vorherzusagen, wann und wo ein Stern oder Komet auftauchte. Das geschah, indem man die Zeit maß, die ein Objekt – ein Planet, ein Komet oder ein Stern – benötigte, um zwischen zwei parallelen Linien hindurchzulaufen, die auf das Teleskopglas eingraviert waren. Wollte ein Astronom etwa die Geschwindigkeit des Saturn berechnen und vorhersagen, wo dieser in Zukunft erscheinen würde, zählte er die Sekunden sobald er sah, dass der Saturn die erste Linie berührte, solang bis er die zweite berührte.
Diese Methode hatte allerdings ein Problem: Wenn ein Astronom die Zeit zu messen versuchte, die ein Himmelskörper für eine bestimmte Strecke brauchte, war das Ergebnis oft ungenau. Uhren gingen damals pro Tag oft mehrere Minuten vor oder nach. Und bereits eine Zehntelsekunde zuviel oder zu wenig konnte das Messergebnis entscheident verfälschen. Wenn also zehn Astronomen versuchten, die Geschwindigkeit desselben Objekts zu messen, erhielten sie oft zehn unterschiedliche Messwerte. Die Berechnungen und damit die Vorhersagen waren damit kaum brauchbar. Schließlich griff man auf eine Lösung zurück, die ursprünglich als „Methode der Durchschnitte“ bekannt war: Einzelmessungen, die u.a. per Brief oder in Zeitschriften ausgetauscht wurden, konnten zu einem einzigen Durchschnittswert zusammengefasst werden. Dieser gab den tatsächlichen Wert der Messung genauer an, als jede einzelne Beobachtung. (Rose 2016)
Diese Praxis hatte Carl Friedrich Gauß um 1795 als „Methode der kleinsten Quadrate“ bezeichnet und dass bei wiederholten Messungen derselben Größe der arithmetische Durchschnitt der wahrscheinlichste Wert ist – woraus er die Normal- bzw. Gauß’sche Glockenkurve ableitete. Diese Gauß’sche Kurve und den Durchschnitt als wahrscheinlichsten Wert übertrug Quetelet von den Sternen auf die Menschen. Wie der Durchschnitt vieler Messungen die wahre Himmelsbahn liefert, so ergibt, laut Quetelet, der Durchschnitt vieler Menschen den wahren Menschen. Abweichung vom Durchschnitt wurde damit, ganz in der Sprache der astronomischen Fehlertheorie, zum Fehler, ja zur Abweichung von der richtigen Bahn.
„Die meisten Probleme der Populationsdynamik lassen sich ebenso lösen wie jene der Bewegung der Himmelskörper. Es besteht eine überraschende Analogie zwischen den Formeln, die bei diesen Berechnungen verwendet werden.“
– Adolphe Quetelet 1835 – Über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten
Die Geburt des BMI und der Normalität

The Average Young American Male – 55 cm große Gips-Statue, geschaffen 1921 als Modelltypus für die Eugenik-Bewegung in den Vereinigten Staaten. Wahrscheinlich weniger Ergebnis von Messungen als antik inspiriertes Wunschdenken.
Mit Hilfe dieser statistischen Methoden, die bisher hauptsächlich zur Ermittlung von Bevölkerungswachstum anhand von Geburts- und Sterberaten genutzt wurde, entwickelte Quetelet ein weiteres Werkzeug, das binnen weniger Jahrzehnte das mächtigste Instrument zur Gewichtsregulation werden sollte – den Body-Mass-Index. Dieser, damals noch Quetelet-Index genannte, Wert beruht auf den Daten von 5.738 schottischen Soldaten, deren Brustumfang und Körpergewicht gemessen wurde, um die Größen der Uniformen zu ermitteln, die für sie angefertigt werden mussten. Auf diese Auswahl gemusterter junger, wehrfähiger Männer wandte Quetelet nun sein Wissen an und zeigte, dass sich damit ein körperliches Merkmal einer Bevölkerung derselben Gesetzmäßigkeit fügt wie Messfehler in der Astronomie: einer Glockenkurve.
Bereits elf Jahre zuvor, 1835, hatte Quetelet aus einer kleineren Untersuchung ein Gewicht-Größe-Verhältnis von 5 zu 6 ermittelt.. Aus dieser Erkenntnis folgerte er algebraisch, dass es normal und natürlich sei, dass das Gewicht ungefähr im Quadrat zur Körpergröße wächst. – Aus der Anwendung für die Astronomie entwickelter Methoden auf eine Auswahl kriegstüchtiger Männer ging so ein Begriff hervor, der sich als allgemeingültiger, geschlechtsneutraler Maßstab für alle Menschen schlechthin präsentiert und ein Jahrhundert später von Ancel Keys als Body-Mass-Index wiederentdeckt und benannt, bis heute für alle Menschen gleichermaßen herangezogen wird.
Statt eines Modells kosmischer Schönheit und himmlischer Gesetze als Vorbild des idealen Körpers, wie in der Antike, wird nun eine Zahl zum Normalfall erklärt, an der alle Körper gemessen und verglichen werden. Die Harmonie der menschlichen Proportionen, die sich aus dem vermuteten Abstand von Planeten zueinander festlegen ließe, wird nun ersetzt durch den Körper des Otto Normalsoldaten. Santorio Santorio erkannte im 17. Jahrhundert für den individuellen Körper, dass sich durch Messen interessante Erkenntnisse gewinnen lassen. Nun machte Quetelets neues Werkzeug dieses Erkennen auf ganze Bevölkerungsgruppen anwendbar.
Während Alkmaions isonomia auf der Idee der Balance basiert – Gesundheit als Gleichgewicht gleichberechtigter Kräfte, keine hierarchisiert über die andere – kippt die moderne statistische Norm langsam in eine hierarchisierende, eugenische Logik: Francis Galton stieß auf Quetelets Arbeit ausgerechnet während er an seinem Buch Hereditary Genius (1869) schrieb. Während sich Quetelet für den Durchschnitt als stabilen, definierenden Mittelwert einer Population interessierte – Abweichung davon war für ihn im Kern ein Fehler, ganz wörtlich in der Sprache der astronomischen Fehlertheorie gedacht, aus der er seine Statistik entlehnt hatte – fragte Galton dagegen, angeregt durch seinen Halbcousin Charles Darwin und dessen fünf Jahre zuvor erschienene Evolutionstheorie: Wie lassen sich in einer Bevölkerung gute – d.h. in Richtung Genie gehende – Abweichungen vom Mittelwert fördern und solche vermeiden, die Genialität mindern? Und lassen sich diese Abweichungen vererben? Wenn ja: ließe sie sich eine Bevölkerung gezielt in eine Richtung verbessern?
Aus dieser Frage entwickelte er neue statistische Werkzeuge (z.B. Korrelation) und 1883 den Begriff „Eugenik“ für sein eigentliches Ziel, die „Verbesserung der menschlichen Rasse“. Aus Quetelets Werkzeug zur Bevölkerungsbeschreibung wird bei Galton ein Instrument zur aktiven „Bevölkerungsgestaltung“ – der Schritt von der Statistik zur Selektion.

Was ist ein guter Körper?
Im 19. Jahrhundert wurde mittels Statistik eine ganz neue Art von Wissen über Menschen und Bevölkerungen hergestellt. Das Wissen über Gesundheit wurde schon bald Gegenstand ganz neuer Interessensformen – und zwar öffentlich sichtbar auf Kinoleinwänden, Werbe-Plakaten und in Ausstellungen sowie auf Demonstrationen und in Selbsthilfegruppen. Auf die Frage, wer künftig über den richtigen Körper entscheiden sollte, fand das Jahrhundert nicht eine, sondern drei sehr unterschiedliche Antworten: der Staat, der Markt und politische Aktivist*innen. Während private Abnehmwünsche durch eine Unmenge an obskuren, wirkungslosen und teuren Abnehm-Mitteln geweckt wurden, begannen ab 1912 zunächst amerikanische Lebensversicherungen, Körpergewicht systematisch als Risikofaktor in Tabellenform zu erfassen. der Körper wurde damit zum ökonomisch kalkulierten Objekt. Im Jahr 1925 feierte der Weimarer Kulturfilm Wege zu Kraft und Schönheit Tanz, Sport und freien Körper als moderne Lebensreform – mit einem verblüffenden internationalen Cast, darunter Boxer Jack Dempsey, der britische Ex-Premierminister David Lloyd George, Benito Mussolini und, in einer Nebenrolle als Tänzerin, Leni Riefenstahl. Und während die 1960er die ersten kommerziellen Abnehm-Firmen hervorbrachten, nahmen von Übergewicht betroffene Menschen das Heft des Handelns zunehmend selbst in die Hand.


Staat gegen Fett
Die Regisseurin und Kamerafrau Leni Riefenstahl überblendete in ihrem Propagandafilm „Olympia“ die Statue des Diskoswerfers, der sich in Zeitlupe in einen lebendigen Athleten am Meer verwandelt. – Wo Polyklet rund 2500 Jahre zuvor ein einzelnes Standbild als Vorlage für andere Bildhauer schuf, wurden jetzt bewegte Bilder für ein Millionenpublikum im Kino geschaffen. Die Idee vom Körper als Vorbild ähnelte dem der Antike, technisch war es jetzt allerdings möglich, alle Menschen damit zu beeinflussen. Mit dem Massenmedien Film wurden ergänzend auch Filme wie „Jud Süß“ gedreht, die jüdische Körper als deformiert und angsteinflößend inszenierten, um in der Bevölkerung Angst und Abscheu zu verbreiten. Der Körper wurde damit vom individuellen Gesundheitsthema bürgerlicher Kreise, das er im 19. Jahrhundert war, zum direkten Instrument einer rassistischen Staatsästhetik.
Der französische Philosoph Michel Foucault hat für diesen Umschlagpunkt – von der reinen Zählung zur Hierarchisierung von Bevölkerungen – den Begriff der Biomacht geprägt: Ab dem 18./19. Jahrhundert verlagert sich Macht zunehmend von der klassischen Drohung mit dem Tod hin zur Verwaltung, Optimierung und Regulierung des Lebens selbst – Geburtenraten, Gesundheit, Fortpflanzung ganzer Bevölkerungen, nicht mehr nur einzelner Untertanen. Und hier schließt sich auch der oben offen gelassene Faden zum „Volkskörper der Nazis“: Foucault selbst zeigt, wie sich aus genau dieser Bevölkerungsverwaltung im 19./20. Jahrhundert ein biologisch begründeter Staatsrassismus entwickelte, der im Nationalsozialismus seinen mörderischen Höhepunkt fand – Rassismus als der Mechanismus, der es einer eigentlich lebensverwaltenden Macht erlaubt, dennoch zu töten: Wer als „unwert“ definiert wurde, fiel aus dem Schutz der Bevölkerungsfürsorge heraus und musste aus einem vermeintlich natürlichen Überlebenswillen der besseren Rasse heraus getötet werden.

Versicherungen gegen Fett
Und obwohl der statistische Durchschnittswert BMI zunächst nur eine Beobachtung war, kein Ziel, begannen ab 1912 Lebensversicherungen damit, systematisch Daten zu Körpergröße, Gewicht und Sterblichkeit ihrer Versicherten zu sammeln und Menschen mit „schlechteren BMIs“ teurere Policen zu verkaufen.. Mit deren Hilfe konnte festgestellt werden, dass nun nicht mehr Untergewicht ein Gesundheitsrisiko war wie es vor der Entwicklung von Tuberkulose-Medikamenten war, sondern Übergewicht auf der Überholspur vorbeizog.
Die Metropolitan Life Insurance Company (USA) veröffentlicht 1943 „Ideal Weight Tables“ basierend auf der Auswertung von Millionen Policen. Diese Tabellen zeigen erstmals eine Korrelation zwischen erhöhtem Gewicht und höherer Sterblichkeit. Medizinisch ist das nicht ohne, denn als der BMI zur Norm und Kriterium wurde für den Zugang zu einer Anstellung oder zum Erhalt des Arbeitsplatzes, begann man Abweichungen zu pathologisieren und Anreize zu schaffen, diese Norm auszutricksen (Campbells Law, Goodharts Law). Das führte im Extremfall dazu, dass z.B. Stewardessen, Ringer oder Polizist*innen ihren BMI kurzfristig auf sehr ungesunde, teilweise tödliche, Weise senkten, um ihren Wunschberuf zu bekommen oder zu behalten.
Und trotz aller Kritik am Konzept und des Body-Mass-Index (BMI) und seiner Gefahren wird Übergewicht heute in Medizin und Arbeitswelt über den BMI definiert: Ab einem BMI von 25 kg/m² spricht man von Übergewicht, ab 30 kg/m² von Adipositas – unterteilt in die Schweregrade I (30–34,9), II (35–39,9) und III (≥40, früher „morbide Adipositas“ genannt). Der BMI ist dabei nur ein grobes Screening-Instrument: Muskelmasse, Fettverteilung und Stoffwechselwerte sagen oft mehr über die tatsächliche Gesundheit aus als die reine Zahl. Das Thema selbst hat mittlerweile ein enormes Gewicht erreicht. Laut Weltgesundheitsorganisation galten 2022 weltweit rund 2,5 Milliarden Erwachsene als übergewichtig. Die WHO stuft Adipositas als chronische, rückfallgefährdete Erkrankung ein, die aus einem komplexen Zusammenspiel von Genetik, Neurobiologie, Essverhalten, Zugang zu gesunder Ernährung und Umweltfaktoren entsteht – ausdrücklich nicht als Frage von „Disziplin“ oder Willenskraft.
Der französische Wissenschaftshistoriker und Philosoph Georges Canguilhem der den Zusammenhang zwischen beobachtetem Wert und Norm kritisierte, bietet als Gegenkonzept an: Ein Organismus setzt seine eigenen, lebendigen Gesundheitsnormen selbst – Gesundheit ist nicht Anpassung an einen fremden Durchschnitt, sondern die Fähigkeit, eigene Normen zu leben und bei Bedarf neue zu entwickeln Dieser Gedanke wird uns im letzten Abschnitt zur hypnosystemischen Praxis wiederbegegnen.
„Insofern Lebewesen vom spezifischen Typ abweichen, sind sie dann Anomalien, die den spezifischen Typ gefährden, oder vielmehr Erfinder auf dem Weg zu neuen Formen?“
– Georges Canguilhem 1966 – Das Normale und das Pathologische

Supermittel gegen Fett
Der Markt für Abnehm-Mittel als käufliche, öffentlich beworbene und markenförmige Produkte, die versprechen, Fett direkt aufzulösen, ohne dass man etwas dafür tun müsse, entstand Mitte des 19. Jahrhunderts – etwa zur Zeit, in der auch Bantings Letter on Corpulence zum Bestseller wurde.
Doch auf Bantings eher besonnenen Ansatz der Diät folgte im 20. Jahrhundert ein länger anhaltender Boom des Abnehmens. Und während zunächst noch viele der meist wirkungslosen Abnehmmedikamente von medizinischen Laien und geschäftstüchtigen Kaufmännern hergestellt und vertrieben wurden, stiegen mit einer Pharmazie, die sich mehr und mehr als an die Medizin angelehnte Wissenschaft zu verstehen begann, auch die – wenngleich nur vorübergehende – tatsächlichen Wirkungen dieser Mittel. Allerdings auch die Nebenwirkungen.
Algen gegen Fett: Allan’s Anti-Fat
1811 wird aus der Pflanze Fucus vesiculosus, gemeinhin Blasentang genannt, in Frankreich erstmals Jod isoliert. Doch erst 70 Jahre später berichtete der englische Arzt Thomas Fairbank 1879 im British Medical Journal, er habe „vor mehr als fünfzehn Jahren einer sehr korpulenten Dame“ Blasentang-Extrakt in Pillenform gegeben und sie habe binnen drei Monaten rund 19 kg verloren, ohne ihre Ernährung zu ändern.
Fairbank beschrieb diesen Fall für seine Kolleg*innen. Die Botanic Medicine Company jedoch, die seit 1878 „Allan’s Anti-Fat“ herstellte (einen flüssigen Blasentang-Extrakt zu 6 Shilling 6 Pence für eine Flasche) machte – nachdem sie auf Fairbanks Fallbeschreibung aufmerksam geworden war – daraus gleich eine medizinische Empfehlung, mit der sie ihr Extrakt bewarb, obwohl Fairbanks Allan’s Anti-Fat weder kannte, noch je Rezeptur oder Empfehlung für das Präparat verfasst hatte. (Rance 2009)
Allan’s Anti-Fat war damit eines der ersten Präparate, die das Format etablierten, welches die Branche der Abnehmmitel bis heute prägt: eine Marke, eine Erzählung von ärztlicher Bestätigung und ein einzelner (vermeintlich) wirksamer Inhaltsstoff, der müheloses Abnehmen ermöglicht.
Bis 1976 konnten Medikamente in Deutschland ohne medizinische Zulassung auf den Markt gebracht werden. Auf einem Markt, der durch ein wachsendes Körperbewusstsein und mit Marketing erzeugte Bedürfnisse steigende Gewinne versprach, war dem Verkauf von bestenfalls wirkungslosen und schlimmstenfalls tölichen Abnehmmitteln daher Tür und Tor geöffnet. Schwach aufgestellte Aufsichts- und Kontrollmöglichkeiten ließen die Hersteller lange Zeit tun, was sie wollten. Und was sie wollten, war Geld verdienen.

Berlin (Die Hauptstadt der Geheimmittel) gegen Fett
In Deutschland beginnt die Geschichte der Schlankheitsmittelchen mit Wasser. Seit den frühen 1870er Jahren vermarkteten Bäder und Kurorte, die für renommierten und teuren Gesundheitstourismus standen, leicht abführende, kohlensäurehaltige Heilwässer als häusliche Fortsetzung der Trinkkur. Bald wurden deren Mineralsalze eingedampft und als Pastillen verkauft. Als „Kur für zu Hause“ waren sie nun auch für die weniger gut Betuchten erschwinglich. Die Pastillen halfen zwar wenig, solange man nicht zugleich Ernährung und Bewegung änderte, doch die Suggestion der mühelosen und wundersamen Gesundung sorgte für Absatz und schuf einen Markt für alles, was ab den 1890er Jahren nachkam. (Spiekermann 2021)
Berlin war für diesen Markt kein zufälliger Ort. Die Stadt hatte um 1900 eine leistungsfähige pharmazeutische Industrie, ein dichtes Netz kleiner Versandfirmen und eine Massenpresse (Die Woche, die Berliner Illustrirte), die diesen Firmen erstmals ein Millionenpublikum erschloss. Wer sein Präparat als „kosmetisches Mittel“ statt als Arznei verkaufte, umging die Kontrolle der schwerfälligen und laxen Arzneimittelverkehrsverordnungen und konnte frei verkaufen. Selbst wenn also ein Stoff auf die sog. Giftliste gesetzt wurde, konnte das behördliche Verfahren oft Jahre dauern. Innerhalb dieses Zeitfensters ließ sich gut verdienen. (Spiekermann 2021)

Exkurs: Der Fall Marlier
Ein besonders erfolgreicher Unternehmer auf diesem Markt der wirkungslosen Abnehmmittel war der ursprünglich aus Nürnberg stammende Ernst Marlier (1875–1948). Als gelernter Kaufmann und bereits wegen betrügerischer Kreditvermittlung verurteilt, betrat er das Milieu der Wundermittel im Jahr 1903. Bis 1914 verdiente er in Deutschland und Österreich-Ungarn um die vier Millionen Mark mit dem Verkauf von Pülverchen, die in einer runden Blechdose, 73 Gramm für 2,25 Mark, angerührt in Wasser zu trinken waren. Sie hatten Namen wie Slankal, Antipositin und Vitalito und bestanden aus 30 % Weinsäure, 16 % Zitronensäure, 4 % Weinstein, 14 % Kochsalz und 36 % Natriumkarbonat – ein leicht abführender Mix aus leicht herstellbaren Chemikalien, das der Hersteller als konzentrierte „Fruchtsäuren und Fruchtsalze“ zur Körperpflege verkaufte. Beworben wurden sie für die damlige Zeit äußerst aggressiv mittels sog. Death marketing. (Spiekermann 2021)
Von den Erträgen ließ sich Marlier 1914/15 eine repräsentative Villa an der Straße Am Großen Wannsee bauen. Sie gelangte über die SS-nahe „Stiftung Nordhav“ 1941 in den Besitz Reinhard Heydrichs. Am 20. Januar 1942 fand in diesem Haus die Wannseekonferenz statt. (Spiekermann 2021). Die Geschichte der Körpernormen trifft hier auf die Geschichte des Holocaust – zwei verschiedene Kapitel, die sich die selbe Idee vom richtigen gesunden und falschen kranken Körper teilen und sich scheinbar zufällig im gleichen Haus über den Weg laufen. Marlier starb 1948 als geachteter Geschäftsmann.
Marliers Mittelchen und die vieler anderer Hersteller und Verkäufer funktionierten, wenn überhaupt, als milde Abführmittel – dieselbe „Ausleitungs“-Logik, die schon Galens sex res non naturales strukturierte und beschreibt. Aus „Blut wärmer und schärfer machen“ wird „Stoffwechsel beschleunigen“, aus Radieschen und Essig werden „Fruchtsäuren in konzentrierter Form“. Und ähnlich wie Marlier sich mit gefälschten Gutachten und Attesten um Seriosität und Wissenschaftlichkeit bemühte, werden auch heute mit aggresiver Werbung gefälschte Abnehmpräparate auf den Markt geschoben.
Mit dem einer sich professionalisierenden Pharmazie wurden jedoch schon bald auch echte und wirkungsvolle Abnehm-Mittel produziert. Leider hatten die meisten dieser Medikamente auch oft so erhebliche Nebenwirkungen, dass sie nach einer Zeit verboten wurden.
Schilddrüsenmittel gegen Fett
1888 hatte die britische „Myxedema Commission“ zunächst nachgewiesen, dass das Fehlen der Schilddrüse zu Gewichtszunahme und Anschwellungen führt, was sich durch Schilddrüsenextrakt umkehren lässt. Kaum war dieses Wissen etabliert, testeten Ärzte das Schilddrüsenextrakt gegen Übergewicht. 1893 machten Berichte von verlorenen 28 Pfund in 6 Wochen die Runde und 1894 wurden von Borroughs, Wellcome & Co. in London und von Merck in Darmstadt die ersten Thyreoidin-Tabletten auf den Markt gebracht. Sie beschleunigten den Stoffwechsel spürbar und ließen Pfunde purzeln. Und auch wenn zum ersten Mal in der Geschichte Abnehmmittel verkauft wurden, die auf einem tatsächlich verstandenen wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkmechanismus beruhten – einer Hormonwirkung auf den Grundumsatz – statt auf einer Analogie, wie bei Galen oder Zufallsbeobachtung wie bei Allan’s Anti-Fat (Spiekermann 2021), hatten diese Mittel starke, teils lebensgefährliche Nebenwirkungen, weshalb sich seriöse pharmazeutische Hersteller aus Angst um ihren Ruf aus diesem Marktsegment wieder zurückzogen.

Die Pharmazeutische Industrie gegen Fett
1933 fanden zwei Stanford-Forscher durch Zufall heraus, dass während des ersten Weltkriegseinige Arbeitende in französischen Rüstungsbetrieben sehr stark an Gewicht verloren hatten. Nachforschungen brachten heraus, dass die Industriechemikalie DNP (2,4-Dinitrophenol) – eigentlich für Sprengstoff und Fotoentwickler gedacht – bei Körperkontakt als Nebenwirkung radikalen Gewichtsverlust auslöste. Die Erkenntnis wurde kommerzialisiert und bis 1934 hatten schon über 100.000 Patienten rund 1,2 Millionen Kapseln gekauft. DNP entkoppelt die Energiegewinnung der Zellen, der Körper verbrennt sich buchstäblich von innen. Es kam zu Todesfällen durch Überhitzung, die US-Arzneimittelbehörde FDA verbot den Stoff 1938, jedoch wurde sie noch lange illegal weiterverkauft.
Ab den 1930ern dann wurden bei Abnehmwünschen massenhaft Amphetamine wie Benzedrin und Dexedrin verschrieben, in den 1950er- und 60er-Jahren oft als bunte Kombinationspräparate mit Schilddrüsenhormon, Diuretika und mitunter Digitalis, im Volksmund „Rainbow Pills“ genannt. Auch hier kam es zu mehreren Todesfällen, so dass ab den 1960ern zunehmend reguliert wurde.
Fen-Phen, war mit einer Kombination aus Fenfluramin und Phentermin ein anderes populäres Medikament zum Abnehmen. 1997 stellte sich nach über 18 Millionen Verschreibungen allein in den USA heraus, dass es die Herzklappen schädigte. Es folgte einer der größten Arzneimittel-Vergleiche der Geschichte. 2008 wurde Rimonabant, in Europa zugelassen, wegen erhöhten Suizidrisikos wieder vom Markt genommen. Und 2010 folgte Sibutramine wegen erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos – die US-Behörde fand den Wirkstoff Jahre später noch in Hunderten als „natürlich“ beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln. Im Jahr 2020 traf es Lorcaserin, wegen erhöhten Krebsrisikos. Sechs Kapitel derselben Geschichte in weniger als hundert Jahren.
Der aktuelle Stand der Abnehm-Medikamente
Mittlerweile gibt es GLP-1-Abnehmmedikamente wie Wegovy, Mounjaro, Saxenda oder Ozempic als Spritze oder als Pille mit kurzfristigen Gewichtsverlusten bis über 20 %. Zum ersten Mal seit dem Schilddrüßenmedikament Thyreoidin beruht mit den GLP-1-Präparaten ein massenhaft verschriebenes Abnehm-Mittel wieder auf einem gründlich, in großen randomisierten Studien geprüften Mechanismus, statt auf bloßen Marketingbehauptungen. Ähnlich wie jedoch schon die Vitalito-Reklame 1911 „kein Zwang zu Hunger- und Diätkuren oder Sport“, versprach, werben auch heute viele Anbieter dieser oder ähnlicher Medikamente mit mühelos schmelzendem Fett. Ob als rezeptpflichtiges Original oder im Netz erhältliche Fälschung kommen bei monatlich 130–500 €, bei 12–24 Monaten Behandlung schnell 2.000–10.000 € zusammen, die von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen werden. Die Wirkung hält solange man spritzt oder die Tabletten zu sich nimmt: Nach dem Absetzen sind im Schnitt binnen eines Jahres etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts zurück und nach 2 Jahren fast alle Pfunde komplett wieder da.
Doch nicht nur Spritzen, Pillen und Pülverchen versprachen und versprechen selten realistische Abnehm-Erfolge:

Weight Watchcers gegen Fett
Im Jahr 1963 gründete Jean Nidetch in einem Milieu, in dem bereits eine Anzahl laienhafter, unkommerzieller Selbsthilfegruppen (TOPS 1948, OA 1960) existierte, mit den Weight Watchers eine Firma fürs Abnehmen, die binnen achtzehn Monaten in ein Franchise-Unternehmen mit Börsengang überführt wurde. Wöchentliches Wiegen vor anderen Teilnehmerinnen, vermeintliche Selbsthilfegruppen-Struktur statt Arzt-Patient- oder Buch-Leser-Verhältnis. Der Körper wurde damit zum Gegenstand organisierter, dauerhafter sozialer Kontrolle unter Gleichgestellten – eine Form, die es vorher so noch nicht gab.
You can do anything you want to. Follow your dreams; because if you say you can’t do it, you’ll spend the rest of your life proving it.
– Jean Nidetch zugeschrieben

Anti-Selbsthilfe
In dieser Gemengelage aus Staatsästhetik und Gruppenzwang organisierte sich 1967 zum ersten Mal Widerstand von der anderen Seite: Rund 500 Menschen protestierten bei einem „Fat-in“ im New Yorker Central Park gegen die Diskriminierung dicker Menschen (NY Times, 1967) – die Geburtsstunde der Fat-Acceptance-Bewegung zwei Jahre vor der Gründung der NAAFA (National Association to Advance Fat Acceptance, 1969). Zum ersten Mal gab es eine organisierte Stimme, die diese Pathologisierung ablehnte. Diese Bewegung hatte damit gefordert, nicht Wohlbefinden zu verwerfen, sondern die fremdgesetzte Norm und Fähigkeiten der Selbstsorge von der Disziplinierung abzukoppeln, statt Selbstsorge ganz zu verwerfen.
„Wenn alle fett wären, gäbe es keine Kriege. Niemand würde durch die Musterung kommen.“
– Jerry Freedman – Teilnehmer beim ersten Fat-in im New Yorker Central Park 1967
Foucault bei den Weight Watchers
Foucault beschreibt im zweiten Band von Sexualität und Wahrheit, wie in der Antike Diätetik nicht als Verzicht, sondern als askesis verstanden wurde – als geübte Lebenskunst. Zentrales Werkzeug dieser antiken Selbstsorge war das hupomnema: ein Notizbuch, in das man Gelesenes, Gehörtes und eigene Vorsätze einträgt, um sie sich selbst verfügbar zu machen. Weight Watchers‘ Punkte-System und Ess-Tagebuch sind eine fast wörtliche Wiederkehr dieser Technik – vorgefasst von der Firma statt selbst geschrieben. Was Santorio 350 Jahre zuvor allein an sich selbst erprobte, wird hier zur sozialen Zeremonie: aus einsamer Selbstbeobachtung wird ein wöchentliches, öffentliches Wiegen vor der Gruppe – eine explizit panoptische Praxis, wie sie die Foucault-Feministinnen Sandra Bartky und Susan Bordo für die weibliche Diätkultur beschrieben haben.
Andererseits baut Weight Watchers auch echte Fähigkeiten auf – Selbstbeobachtung, Zielsetzung, eine Sprache für den eigenen Körper, die vorher fehlte. Allerdings werden genau diese Fähigkeiten dann wieder in die Organisation zurückgespeist, die vom immer gleichen Scheitern lebt: Wer das verlorene Gewicht wieder zunimmt – die große Mehrheit –, bekommt Jahre später dieselbe Werbepostkarte wie bei den Abnehmpillen: eine neue Runde Hoffnung, verkauft an dieselbe Kundin. (Heyes, 2007)
Hypnose und Gewicht: eine geladenes Verhältnis
Diese Seite begann oben mit einer 200 Jahre alten Frage, die nie ganz verschwunden ist: ob das, was bei Hypnose passiert, echte Wirkung oder nur die Suggestion eines überzeugten Beobachters ist – eine Frage, die schon Mesmer und Gaßner im späten 18. Jahrhundert auseinandertrieb. Diesen Schatten der Skepsis trug die Hypnose auch mit, als sie sich im 20. Jahrhundert dem Thema Übergewicht zuwandte.
Institutionell kam die Anerkennung spät und zögerlich: Erst 1955 erklärte die British Medical Association, erst 1958 die American Medical Association Hypnose offiziell zu einem legitimen medizinischen Verfahren. Milton Erickson, der bis heute prägendste Name der modernen Hypnotherapie, arbeitete in genau diesen Jahrzehnten klinisch unter anderem an hartnäckigen Gewohnheiten und Symptomen – ohne dass daraus zunächst kontrollierte Forschung zum Thema Gewicht im heutigen Sinn entstand.
Die erste dokumentierte Beschäftigung mit Hypnose speziell bei Übergewicht, die sich in der Fachliteratur findet, ist eine 1966 veröffentlichte Fallserie des Zahnarztes und Hypnoseforschers Ira M. Kamens – „Hypnosis as an adjunct in obesity“ – noch keine kontrollierte Studie, aber der erste schriftliche Handabdruck des Themas überhaupt.
In dieser Zeit begannen auch Milton Ericksons Hypnosen sich alltäglichen Verhaltensmustern zu widmen – Rauchen, Schlaf und eben auch Essgewohnheiten –, zunächst jedoch fast ausschließlich anhand einzelner Fallberichte, nicht kontrollierter Studien.
Ab den 1970er-Jahren wurde „Hypnose zum Abnehmen“ zudem zu einem eigenen kleinen Verbrauchermarkt: Selbsthypnose-Kassetten fürs Wohnzimmer mit Abnehmversprechen verkauften sich in den USA gut – Teil einer breiteren Selbsthilfe-Konjunktur dieser Zeit – wissenschaftlich kaum begleitet, – lange bevor es dazu belastbare wissenschaftliche Untersuchungen gab. Fünfzehn Jahre nach Kamens‘ Fallserie kam schließlich, 1981, die erste kontrollierte Studie zum Thema.
Die Erforschung der Wirksamkeit: eine Geschichte mit Überraschungen
1981 veröffentlichten Wadden und Flaxman die erste kontrollierte Studie zu Hypnose bei Übergewicht – fünfzehn Jahre nach Kamens‘ erster Fallserie. Ein Jahr später fassten Wadden und Anderton die inzwischen vorliegende, noch kleine Literatur in einem vielzitierten Übersichtsartikel zusammen. Beide Arbeiten waren vorsichtig: Hypnose half, aber nicht spektakulär.
Das änderte sich 1995 schlagartig. Kirsch, Montgomery und Sapirstein veröffentlichten eine Meta-Analyse, die es in sich hatte: Wer zur Verhaltenstherapie noch Hypnose dazunahm, verlor angeblich fast doppelt so viel Gewicht wie ohne. Die Zahl machte die Runde – ein Ergebnis, das genau die Art von Durchbruch versprach, auf die eine noch junge Forschungsrichtung wartet.
Ein Jahr später kam die Ernüchterung. Allison und Faith prüften dieselben Daten nach und fanden einen Rechenfehler: Ein einzelner methodisch fragwürdiger Ausreißer unter den eingeschlossenen Studien hatte das Gesamtergebnis massiv nach oben verzerrt. Ohne ihn schrumpfte der beeindruckende Effekt auf einen deutlich bescheideneren, wenn auch immer noch positiven Wert zusammen – ein Bruchteil dessen, was 1995 gefeiert worden war.
Das ist, bei aller Ernüchterung, eigentlich die interessantere Geschichte als der ursprüngliche Hype: Wissenschaft, die sich selbst korrigiert, öffentlich, nachvollziehbar, ohne dass jemand etwas vertuschte. 2018 bestätigte eine neue, methodisch strengere Meta-Analyse von Milling und Kolleg*innen einen echten, aber moderaten Effekt von Hypnose zusätzlich zur Verhaltenstherapie – 2021 mit weiteren Studien noch einmal aktualisiert, bei ähnlichem Ergebnis. Genaue Effektstärken zu allen genannten Arbeiten finden Sie in der Tabelle unten.
Zur Einordnung: Kontrollierte Studien zu Hypnose bei Übergewicht reichen bis in die frühen 1980er-Jahre zurück (u. a. Wadden & Flaxman, 1981), ein viel zitierter Übersichtsartikel von Wadden und Anderton fasste diese Literatur bereits 1982 zusammen. Die erste Meta-Analyse folgte 1995 (Kirsch, Montgomery & Sapirstein). Das Thema wird also seit über vier Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht – die acht Studien unten sind eine Auswahl aktuellerer, besonders aussagekräftiger Arbeiten.
Resümee: Wo steht Hypnose beim Abnehmen heute?
Fasst man die Studienlage von 1981 bis heute zusammen, zeigt sich: Am robustesten belegt sind Verbesserungen beim Essverhalten, beim Sättigungsempfinden und bei der Lebensqualität – hier finden fast alle Arbeiten positive Effekte, unabhängig davon, wie umstritten einzelne Meta-Analysen zum reinen Gewichtsverlust ausgefallen sind. Beim direkten Gewichtsverlust selbst bleibt die Datenlage uneinheitlicher, wie die Kirsch-Kontroverse zeigt: Manche Studien und Meta-Analysen finden große Effekte, andere, methodisch strengere, deutlich kleinere oder gar keine. Durchgängig interessant ist dabei, dass unabhängig von den Ergebnissen regelmäßig praktizierte Selbsthypnose einen nachweisbaren, eigenständigen Effekt auf Gewicht und Kalorienzufuhr zu haben scheint (Bo et al. 2018).
Eingeordnet in die Landschaft anderer Adipositas-Behandlungen: Aktuelle medizinische Leitlinien sehen eine Basistherapie aus Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Verhaltensänderung als ersten Behandlungsschritt vor. Und genau in diesem Feld (Essverhalten, Motivation, Rückfallprävention) kann Hypnotherapie eine sinnvolle, wissenschaftlich untersuchte Ergänzung sein.
Deconstrukting Abnehmen (Foucault)
Narrative Therapie
Der hypnosystemische Blick aufs Abnehmen
Die bisher beschriebenen Studien untersuchen überwiegend eine eher klassische, direktive Hypnose: Suggestionen wie „Sie werden weniger Hunger verspüren“ oder Bilder eines „virtuellen Magenbands“. Als hypnosystemisch arbeitender Therapeut setze ich zusätzlich auf einen Ansatz, der in den 1990er-Jahren vor allem von Dr. Gunther Schmidt (Milton-Erickson-Institut Heidelberg) entwickelt wurde: die hypnosystemische Therapie und Beratung. Sie verbindet die auf inneres Erleben fokussierte Hypnotherapie nach Milton Erickson mit dem systemischen Blick auf Beziehungsmuster, Kontext und die eigene Lebensgeschichte.
Für das Thema Abnehmen bedeutet das vor allem eine andere Ausgangsfrage. Statt „Wie bekomme ich das Symptom weg?“ fragt der hypnosystemische Ansatz eher: „Wofür könnte das jetzige Essverhalten – bei aller Belastung, die es auch mit sich bringt – bislang gut gewesen sein? Und was würde fehlen, wenn es das nicht mehr gäbe?“ Diese Perspektive hat einen ernstzunehmenden fachlichen Resonanzboden: Eine vielzitierte Übersichtsarbeit im International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis (Entwistle et al., 2014) argumentiert, dass gerade hartnäckiges, „therapieresistentes“ Übergewicht häufig mit unbewussten, oft ursprünglich schützenden Funktionen verknüpft ist – Essen als Weg der Selbstberuhigung, als emotionaler Puffer, oder als unbewusste Fortsetzung familiärer Muster rund um Essen, Fürsorge und Körperbild. Mit dem hypnosystemischen „Modell innerer Anteile“ lassen sich solche gegenläufigen inneren Motive – der Teil, der abnehmen will, und der Teil, der das jetzige Verhalten aus guten Gründen beibehält – in Trance konkret ansprechen, würdigen und miteinander ins Gespräch bringen, statt sie zu bekämpfen.
Die Geschichte der Gesundheit und des Übergewichts ist auch die Geschichte politischer Institutionen, die das Verhältnis von Staat und Bürger*innen mittels Metaphern gestalten. Foucault meint, dass moderne Macht am wirksamsten ist, wenn Menschen die Norm so verinnerlichen, dass niemand mehr von außen kontrollieren muss. Ich versteige mich vielleicht ein wenig, wenn ich sage, dass wir dadurch alle schon ein bisschen hypnotisiert sind – ganz gewiss aber haben diese Metaphern Einfluss auf unser Erleben und Empfinden.
Dabei geht es um mehr als Fremdkontrolle. Cressida Heyes hat gezeigt (Heyes, 2007), wie ausgerechnet die Sprache der Selbstsorge – Selbsterkenntnis, Selbsttransformation, „ich habe mich neu entdeckt“ – zum wirksamsten Vehikel der Norm werden kann: Wer bei Weight Watchers abnimmt, erzählt seine Geschichte oft fast wortgleich mit jemandem, der in einer Therapie tatsächlich zu sich selbst findet. Das macht es mir als Hypnotherapeut nicht leichter, sondern schwerer. Denn genau diese Worte – Selbsterkenntnis, sich selbst wiederfinden – verwende ich auch. Die Frage, ob Selbsterkenntnis wirklich befreit oder nur elegant an eine fremde Norm anpasst, kann ich also nicht nur an Weight Watchers stellen. Ich muss sie an meine eigene Arbeit stellen.
Einen Prüfstein dafür hat weiter oben schon Canguilhem geliefert: Setzt ein Mensch seine eigene, lebendige Norm – oder wird ihm eine längst feststehende, fremde Norm nur in der Sprache der Selbstfindung zurückverkauft? Der hypnosystemische Blick auf innere Anteile versucht zu erkunden, welche Teile das zu vermeiden: kein einzelnes, von außen vorgegebenes Ziel wie eine Zahl auf der Waage, dem sich alles unterordnet, sondern ein offener Prozess, in dem auch der Teil zu Wort kommt, der das jetzige Verhalten aus guten Gründen beibehält.
Was bleibt, sind Fragen, keine Antworten: Was wäre, wenn Santorio nicht auf die Idee mit der Waage gekommen wäre? Wer bin ich, wenn ich dick bin? Wer wäre ich, wenn ich dünn wäre? Und, mit Heyes gefragt: Wessen Ziel verfolge ich gerade – meins, oder eines, von dem nur erzählt wird, es sei meins? Und wie geht es mir damit?
Anhang: Hypnose-Studien zum Thema Abnehmen
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Studie |
Design & Stichprobe
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Ergebnisse
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Einordnung |
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Kleine Stichprobe |
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RCT, 3 Gruppen, n=60 |
Kleine Stichprobe |
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RCT, n=120 (60 Hypnose+Selbsthypnose; 60 Kontrollgruppe) |
Hohe Studienqualität |
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24 Wochen dauernde Pilot-RCT, n=30 |
Pilotstudie |
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Meta-Analyse, 14 Studien |
Metastudie |
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Vorher-Nachher-Studie, n=32, ohne Kontrollgruppe |
Ohne Kontrollgruppe |
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narrative Übersichtsarbeit |
Literaturübersicht |
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RCT n = 80 (41 in Hypnose-Gruppe mit acht Sitzungen Hypnose mit Selbsthypnose-Training; 39 in Kontrollgruppe) mit acht Monaten Follow-up |
Hohe Studienqualität |
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Hohe Studienqualität |
