Eine umfangreiche Geschichte der Hypnose zum Abnehmen
Der Wunsch, mit Hypnose abzunehmen, ist einer der häufigsten, mit dem sich Menschen an mich und andere Hypnotherapeut*innen wenden. Doch wer Gewicht verlieren möchte, trifft die Entscheidung zwar oft für sich, jedoch nie auf neutralem Boden. Wir alle stehen auf jahrtausendealten Schichten, in denen Ideen und Vorschriften über dick und dünn, gesund und ungesund, natürlich und künstlich, normal und unnormal liegen. Und auch wenn diese Ideen und Vorschriften nicht immer sichtbar sind, weil sie im Lauf der Zeit verschüttet oder umgedacht wurden, so sind sie nach wie vor in uns wirksam.
Eine dieser Ideen, Hypnose zum Abnehmen, wird heute oft als „Quick Fix“ angeboten: schnell, wundervoll, magisch, fast wie im Traum lassen sich damit Kilos reduzieren. Viele Hypnotiseur*innen bieten speziell aufs Abnehmen ausgerichtete Pakete mit Preisen von 400 bis 4000€ an. Ohne Mühe und Gefahren und mit phantastischem 90-prozentigem Erfolg verspricht Abnehm-Hypnose – ähnlich wie andere Abnehm-Methoden – vieles um die Pfunde purzeln zu lassen. Dabei ist es nicht einfach, zwischen unlauterer Geldschneiderei und wissenschaftlich fundierter Methode, zwischen Wahrem und Übertriebenem oder gar Gelogenem zu unterscheiden. Denn Hypnose zum Abnehmen reiht sich nicht nur in eine sehr vielfältige Geschichte über Körper und Körper-Modifikationen ein, in der noch vieles unerforscht und nichts unversucht blieb, sondern ist auch selbst seit Jahrhunderten Gegenstand der Frage: wahr oder unwahr?
Die Geschichte des Abnehmens zeigt, dass die Normen und die Ideale, an denen wir unsere Körper messen, ein Ergebnis jahrtausende alter Ideen, Interessen und Institutionen sind. Jede Abnehm-Methode, mit der gearbeitet wird – auch Hypnose – muss sich fragen lassen, welchen Normen und Idealen sie aus welchen Gründen dient. Großartigerweise und mehr und besser als andere Schlankheitsmittel und -Methoden jedoch können Hypnose und Hypnosystemik (ähnlich wie andere therapeutische oder coachende Methoden, die mit inneren Anteilen arbeiten) bestens geeignet sein, das Wirken dieser Normen, Ideale und Ideen im Alltag erkenn- und verhandelbar zu machen um so eigen Normen, Ideale und Ideen eines liebevollen, würdigen und selbstbestimmten Lebens im und mit dem eigenen Körper herauszufinden und umzusetzen.
Bevor ich auf einzelne Studien zur Wirksamkeit von Hypnose bei Übergewicht eingehe, möchte ich deshalb einen etwas umfangreicheren Blick auf die Geschichte dessen wagen, was als Übergewicht bezeichnet wird: von einer 30.000 Jahre alten Steinzeit-Statue über antike Models, einen Arzt, der sich und seine Ausscheidungen 30 Jahre lang wog, religösen Magerwahn, eine besetzte Sternwarte in Belgien, Diät-Manien, Wundermittel bis hin zu Foucault bei den Weight Watchers.
Erst hüh, und dann (30.000 Jahre später) hott!

Vielleicht fällt manchen von uns beim Thema Übergewicht die steinzeitliche Mini-Statue einer voluminösen Frau ein – die über 30.000 Jahre alte, etwa 11 cm große Figurine der Frau von Willendorf. Diese aus Kalkstein geformte Skulptur aus der Altsteinzeit – konkret aus der Kultur der Gravettien – gilt als eine der frühesten Darstellungen menschlicher Körper.
Eindeutig ist die Fülle des Leibs mit breiten Hüften, markanten Brüsten, halb vorstehendem, halb hängendem Bauch und ausgeprägtem Po. Diese Darstellung ist während des Höhepunkts der letzten Eiszeit entstanden. Im Gegensatz zu dünneren Figurinen aus dieser Zeit stammt die Frau von Willendorf genau wie ähnlich voluminöse Figurinen, wie die Venus von Hohlefels und die Venus von Dolní Věstonice, von Fundstätten, die näher an den Gletscherfronten lagen, welche damals quer durch Europa verliefen. Daher wird vermutet, dass diese Statuen in den strengen klimatischen Bedingungen der Altsteinzeit eine Art Überlebens- und Schönheitssymbole waren, die für Hoffnung auf Fruchtbarkeit und Überleben von Müttern und Neugeborenen unter den besonderen klimatischen Stressbedingungen der letzten großen Eiszeit standen. (Johnson et al. 2020, Dixson & Dixson, 2012)
Alles ist Zahl

Das Image der runden Körperform änderte sich allerdings spätestens in der Antike grundlegend. „Schuld daran“ war nicht zuletzt Pythagoras und sein um 530 v.Chr. gegründeter Kult und Think-Tank. Die Pythagoräer*innen glaubten an die Allmacht der Zahlen und so wollten sie die Missstände in den politischen Verhältnissen mit Hilfe von Mathematik und dem Prinzip der kosmischen Harmonie beheben. Der Kosmos war in der Antike ein großes Thema: von den Babylonier*innen waren neue Geräte und Verfahren zur Erkundung der Sterne ins antike Griechenland gekommen. Mit deren Hilfe hatten die Pythagoräer*innen entdeckt, dass der Kosmos in perfekter Balance und Harmonie war. Jedenfalls erschien es ihnen so, wenn sie meinten, dass die Erde, eine hypothetische Gegenerde und andere Planeten in still klingender Harmonie um ein großes Zentralfeuer kreisten. Und wäre es nicht toll, den Staat genau so perfekt zu organisieren, wie es der Kosmos war? Das Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten könne den Abständen der Planeten entsprechen, die Regierungsform sich an „kosmischen Gesetzen“ orientieren und Musik sollte – zur Beruhigung des Volkes – nur noch auf Basis der Verhältnisse und Klänge der Sterne komponiert werden.
„Die Zahl ist die Herrscherin über Formen und Ideen und der Ursprung der Götter und Dämonen. Im Summen der Saiten liegt Geometrie, im Abstand der Sphären liegt Musik.“
Pythagoras von Samos – 570 – 486 v.u.Z.
Diese Ideen und der Einsatz der Pythagoräer*innen für die totale Harmonisierung des Staates führte jedoch zu sehr unharmonischen Auseinandersetzungen mit Anhänger*innen anderer Ideen und zu Vertreibung und Aussterben der Pythagoreer*innen.
Alkmaions Balance
Und wenn auch die Pythagoräer*innen abserviert wurden, so wurde dennoch die Idee, dass sich Harmonie im Staate durch eine Art der kosmischen Balance von Gegensätzen erreichen ließe, nicht nur weiter getragen, sondern auch übertragen:
Denn während die Balance zunächst nur ein politisches Prinzip der Beziehungen zwischen Obrigkeit und Bürgern sein sollte, „infizierte“ Alkmaion von Kroton, ein Arzt und Pythagoras-Fan um 470 v. Chr. die Medizin mit der Idee der Balance von Gegensätzen. Alkmaion begann nämlich, Gesundheit als isonomía zu bezeichnen – ein Gleichgewicht der gegensätzlichen Kräfte (feucht – trocken, kalt – warm, bitter – süß) im Körper – Krankheit dagegen als monarchía: Dominanz eines der beiden Gegensatzpole. Doch μοναρχία [monarchía – Vorherrschaft] und ισονομία [isonomía – Ausgeglichenheit] waren ursprünglich politische Begriffe. Sie bezeichneten die Alleinherrschaft eines von zwei Gegenpolen bzw. die für Ausgleich sorgende Gleichberechtigung und Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz.
„Das Gleichgewicht (Isonomie) der Kräfte (feucht, trocken, kalt, heiß, bitter, süß usw.) erhält die Gesundheit, während eine Monarchie unter ihnen Krankheiten hervorruft.„
Alkmaion von Kroton 5. Jh v..u.Z.
So wandte Alkmaion die pythagoreische Idee vom harmonisch ausbalancierten Kosmos auf den Körper an: auch im Körper könne durch die Balance von Gegensätzen eine Art Harmonie oder innere Demokratie der Körperkräfte hergestellt werden. Krankheit als Tyrannei eines Übermaßes kann so überwunden werden.
Polyklets Balance-Akt


Etwa zur Zeit Alkmaions (450 v.u.Z.) schuf Polyklet – ein Bildhauer, der ebenfalls im antiken Griechenland lebte – eine Art von Lehrbuch für andere Bildhauer mit Richtlinien zur Darstellung menschlicher Körper. Dieses Kanon genannte Lehrbuch war an den Zahlen-Ideen und Gesetzmäßigkeiten ausgerichtet, die Pythagoras ca. 100 Jahre vorher als „kosmische Ordnung“ bezeichnet hatte. Aufbauend auf diesen Ideen beschrieb Polyklet hier die idealen Maßverhältnisse des menschlichen Körpers. Praktisch: Polyklet lieferte gleich eine Reihe von Beispiel-Statue mit, die diese Ideen und Maße verkörperten. Die bekannteste davon ist der Speerträger Doryphoros. Er wurde zum Modell, zum Muster, und er sollte lange Zeit das Vorbild aller weiteren Statuen des Menschen bleiben. Sie sind heute noch in allen Antiken-Sammlungen zu sehen und erlebten in Nazi-Deutschland eine kurze zeitgenössische Wiedergeburt.
Die Aufzeichnungen des Polyklet allerdings gingen verloren. Dass es aber ausgerechnet ein Heilkundler war – der berühmte griechische Arztes Galen – der die bis heute einzige Überlieferung der geometrischen Abhandlung des Polyklet liefert, ist kein Zufall.
„Alle Symmetrien des Körpers hat uns Polyklet in seiner Schrift gelehrt; in seinem Werk hat er diese Lehre bekräftigt, indem er ein Standbild schuf gemäß den Vorschriften in seiner Abhandlung und das Standbild selbst dann »Kanon« nannte wie auch seine Schrift.“
Galen 130-217 u.Z.: De Placitis Hippocratis et Platonis 5, 449
Denn das Denken beider – Arzt Alkmaion und Bildhauer Polyklet – hatte pythagoreische Wurzeln. Gleichgewicht, Symmetrie und Harmonie begannen zu dieser Zeit sowohl in der Darstellung von Körpern als auch in der Medizin eine große Rolle zu spielen. So wie Alkmaion eine gute Gesundheit als Gleichgewicht der inneren körperlichen Kräfte verstand, so wollte auch auch Polyklet, dass die perfekte menschliche Skulptur ein Gleichgewicht von Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung verkörpert. Medizin und Bildhauerkunst greifen hier auf das selbe philosophische Grundprinzip zurück – beide sind Töchter derselben pythagoreischen Idee, nach der alles Zahl und Harmonie ist.
Mit der Frau von Willendorf hatten die nach Polyklets Richtlinien entstandenen Statuen nun kaum noch etwas gemein. Ihr Gleichgewicht aus Stand- und Spielbein war das genaue Gegenteil von Fülle.
Hippokrates und Galen – Von der balancierten Monarchie zu Schleim, Blut und Galle (400 v.u.Z.)


Der Arzt und Philosoph Hippokrates (460–377 v. Chr.) erweiterte Alkmaions Modell der zwei Gegenpole, die für ein gutes Leben gut balanciert sein müssen, um zwei weitere Antagonisten, bzw. er tauschte die ganze Mannschaft aus: Tyrannei und Gleichberechtigung verließen den Körper und es wurde handfester. Vier Körpersäfte waren jetzt dafür verantwortlich, die Körperfunktionen zu erklären. Diese Säfte waren Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle, und genau wie Alkmaions Gegenpole müssen auch sie alle im richtigen harmonischen Verhältnis miteinander stehen, damit der Mensch gesund sei. Diese Säfte konnten jeweils in der Variante feucht vs. trocken und warm vs. kalt auftreten. Eine falsche Kombination sorgte für Krankheit – die richtige für Gesundheit. Vor allem die Verbindung Schleim-kalt-feucht galt als für die Korpulenz verantwortlich. Denn überschüssiges, träges und kaltes, feuchtes Material lagerte sich (dieser Ansicht nach) im Körper ab, statt „verarbeitet“ zu werden. Um Abzunehmen war es also nötig, Ernährung, Bewegung und Schlaf so anzupassen, dass der Körper trocknet und warm wird. Dafür wurden Spazierengehen, Laufen, Ringen und andere Übungen empfohlen, zusammen mit Bädern, Massagen, Ruhe und einer „angemessenen“ Lebensweise. (Christopoulou-Aletra, 2007)
Mit wärmenden Speisen gegen Übergewicht (150 u.Z.)
Der griechische Arzt Galenos (129–ca. 216 u.Z.) wiederum entwickelte Hippokrates‘ Ideen zur Gesundheit ca. 600 Jahre später weiter. Das beinhaltet in Bezug auf das Körpergewicht nicht nur „gesund vs. korpulent“, sondern ein Dreierschema: Leptotes (krankhafte Magerkeit), Euexia (die gesunde, moderate Mitte guter Körperbeschaffenheit) und Polysarkia (krankhaftes Übermaß an Fleisch/Fett). Galen zählte übrigens auch übertriebene Athletenkörper eher zur pathologischen Seite als zum Ideal – Euexia war für ihn ein Mittelmaß, kein Maximum.
Galen nahm an, dass zu viel Nahrung zu einem Überschuss an Blut im Körper führte. Für Dickheit hieß die Therapie: reduzierte Nahrungsmenge, wärmende/trocknende Speisen wie Radieschen, Essig und Pfeffer sowie Bewegung, außerdem Abrubbelungen und Massagen sowie gegebenenfalls Abführ- und Brechmittel zur direkten Ausleitung.
Der selben Logik, folgen die Therapien des Übergewichts noch in der frühen Neuzeit – heiße, scharf gewürzte, saure Speisen, die das Blut „wärmer und schärfer“ machen sollten. Auch die Ärzt*innen des 16./17. Jahrhunderts werden diese antiken Diät-„Tipps“ von Hippokrates und Galen an ihre Patient*innen weitergeben.
„Diese verschiedenen Arten der Reibung kann man anhand dieser Abbildung lernen. … Harte Reibung hat die Wirkung, den Körper zu festigen bzw. zusammenzuziehen; weiche, ihn zu lockern; reichliche, ihn abzumagern; mäßige, ihn kräftiger bzw. dfdf voller werden zu lassen; so lehrt es uns Hippokrates.“
Galen 130-217 u.Z. „De sanitate tuenda“
Die Medizin entdeckt die Waage (1614)

Im Jahr 1614 geschah etwas, dass die Geschichte des Übergewichts und der Medizin für immer und fundamental verändern sollte. Der Arzt Santorio Santorio (1561–1636) – Professor für theoretische Medizin an der Universität Padua und ein Freund Galileo Galileis – zweckentfremdete ein bis dato für den Handel erfundenes Messinstrument für seine medizinische Mission. Er benutzte eine Waage, genauer eine Sitz-Waage, um über 30 Jahre hinweg sich selbst, sein Essen, sein Trinken und seine Ausscheidungen zu wiegen. (Hollerbach 2018) Es heißt, er hätte sich sogar eine Bett-Waage gebaut, um zu messen, wie sich sein Gewicht durch Schlaf und Sex veränderte.
Padua war um 1600 der wohl wichtigste Ort Europas für empirische Naturforschung – die Universität stand unter der Kontrolle der mächtigen Republik Venedig, nicht unter der des Papstes. Die relative Unabhängigkeit Paduas von der Kirche schuf also ein Zeitfenster, in dem eine derart empirische, autoritätsferne, ja gottlose Forschung überhaupt gedeihen konnte. Und in der Santorio der erste Self-Tracker der Welt wurde.
„Wenn jemand feststellt, dass sein Gewicht an einem Tag durch unmerkliche Ausdünstung [perspiratio insensibilis] um fünf Pfund oder mehr abgenommen hat, so ist er gesund.“ – Santorio Santorio
Was Santorio mit seiner Waage herausfand, nannte er perspiratio insensibilis (unsichtbares Schwitzen): Ein Großteil dessen, was ein Mensch isst und trinkt, entweicht unmerklich über Haut und Atem, ohne durch sichtbare Ausscheidung erklärbar zu sein – etwa 1.2 kg pro Tag.
Santorio begründete mit seinem Langzeit-Experiment eine Methode, die bis heute als eine Grundlage der Medizin gilt: das Messen. Durch Messen lassen sich körperliche Vorgänge und Zusammenhänge vorstellbar machen, be- und verhandeln und kontrollieren. Das war bis dahin nur durch die Sinne (Fühlen, Riechen, Schmecken…) oder Spekulation begreifbar. Santorios Waage diente einer Form instrumenteller Selbstbeobachtung, in der durch eigene Erfahrung neues und abstrakteres Wissen über den Körper gewonnen werden konnte. Vorher gab es keine Vorstellung davon, dass man einen Menschen über Wochen wiegen könne, um daraus verlässliches Wissen über ihn oder seinen Stoffwechsel zu lernen. Im 20. Jahrhundert wird diese historische Messpraxis schließlich verwandelt in eine individuelle Aufforderung zu Selbstkontrolle, Selbstoptimierung und Anpassung an normative Körperbilder.
Hoch und runter mit dem Gewicht





The „Cent Kilos,“ a French club specifically for men weighing 100 kilos or more. (Frankreich 1898)


Neben den Entwicklungen im deutschsprachigen Raum, sollen hier besonders die Aufs und Abs des Körpergewichts in Europa und den USA illustriert werden, da diese nach dem 2. Weltkrieg auch Entwicklungen in Deutschland beeinflusst haben. Wie veränderten sich die Einstellungen und Ansichten zu Körpergewicht und -form zwischen Mittelalter/Neuzeit – also der Zeit Albrecht Dürers und Santorio Santorios – bis heute?
Kurz gesagt, ist das ein Bisschen wie mit der Diät: mal geht’s hier ein bisschen Hoch und mal geht’s dort etwas Runter. Es gab während dieser Jahrhunderte kein konsistentes, über alle Gesellschaftsschichten und Kulturen duchgehendes Urteil zum richtigen Gewicht und der richtigen Form des menschlichen Körpers. Während manche Expert*innen der Ansicht waren, dass je dünner, desto besser sei, meinten andere zur gleichen Zeit, ein bisschen mehr rund sei gesund. Die Ansichten und Einstellungen zu üppigen vs. schlanken Körperformen unterlagen großen Schwankungen über Jahrhunderte, Länder, Geschlecht und Gesellschaftsschichten hinweg. Die Kritik am vermeintlichen Über- und Untergewicht war dabei sowohl ästhetisch, gesundheitlich als auch religiös und moralisch aufgeladen.
Mittelalter
Im späten Mittelalter, einer Zeit häufiger Hungersnöte, waren üppige Formen durchaus mit Gesundheit verbunden. Ein (aus heutiger Sicht) übergewichtiger Mensch konnte mächtig, wohlhabend, erfolgreich und attraktiv wirken. Fett konnte ein Symbol für Macht, Herkunft, Erfolg und Prestige sein. (Vigarello, 2013)
Neuzeit (Renaissance)
Und so entwickelten in der Renaissance (15./16.Jahrhundert) Künstler wie Barbari und Dürer ihre eigenen Vorstellungen (menschlicher) Körper, um diese richtig, gut und schön darstellen zu können. Dürer interessierte, wie auch andere Künstler*innen der Renaissance, die Vielfalt der Natur und er hatte den Anspruch, Körper so zu malen, wie sie im wahren Leben vorkamen bzw. von Gott geschaffen waren. Dürers Modelle basierten also weniger auf mathematischen Berechnungen auf Basis von Sternenkonstellationen, wie z.B. Polyklets antike Statuen, sondern ergaben sich aus Beobachtungen und Messungen von Menschen, die in Dürers Umfeld lebten. Diese Zeit schien von Wohlwollen, Akzeptanz und Neugier gegenüber unterschiedlichen Körperformen geprägt.
Barock
Doch während im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit ein (aus heutiger Sicht) übergewichtiger Mensch mächtig, gesund und attraktiv wirken konnte, wurde dieses Image noch während der Reformation (16./17.Jahrhundert) durch religiöse Vorstellungen und mahnende Stimmen gegenüber bestimmten Körperformen („Sünde! Völlerey!“ wie der katholische Gegenreformator Hippolytus Guarinonius in seinem „Die Grewel der Verwüstung Menschlichen Geschlechts“ von 1610), „angereichert“: Ein dicker Körper konnte nun auch als ein Zeichen für Unmoral, Unreinheit und Nicht-mit-dem-Leben-Klarkommen gesehen werden.
Dennoch kennen wir einen wohlwollenden Blick auf üppige Menschen auch aus einer späteren Epoche, dem Barock. Der Maler Peter Paul Rubens (1577-1640) schrieb in seiner Anatomie- und Proportionslehre, wie Frauen darzustellen sein: „In der weiblichen Gestalt [herrscht] der Kreis oder die runde Figur, schöner als die – nach Platons Aussage – nichts sein kann. Den Kreis nenne ich, und die Gestaltenden, sowie die vorherrschenden Elemente Ursache und Prinzip aller Schönheiten – so wie beim Mann der Würfel und die quadratische Gestalt der Kraft, der Größe und der Weite.“ Praktisch bedeutete das für die Darstellung von Frauen: „Hals hoch und breit, Brust sehr breit, Gesäß nicht lang oder hängend, sondern groß und breit, von fester und sehr voller Fleischigkeit“. (Peter Paul Rubens (zugeschr.), Theoretisches Notizbuch, Abschrift („Johnson Manuscript”), London) Körperfülle wird hier zum Symbol einer weiblichen erotischen Attraktivität und Anziehungskraft.
Moderne
Zum Ende dieser Epoche allerdings, um 1750, wird es schwierig mit dem Dick-Sein. Zunächst für Männer. Zucker aus den niederländischen und britischen Kolonien wurde in den beiden Mutterländern zu einem weit verbreiteten Produkt und auch Gicht, (von der Männer 10-20 mal häufiger betroffen sind), Karies und Fettleibigkeit verbreiteten sich vor allem in England und den Niederlanden, den größten Kolonialmächten und Zuckerimporteuren der damaligen Zeit. (Strings, 2019, S. 58)
Erstaunlicherweise jedoch traten die tatsächlichen Gefahren von Zucker und Dickheit für die körperliche Gesundheit zunächst weniger ins öffentliche Bewusstsein als ein anderer vermuteter Aspekt des Übergewichts: Der Zusammenhang zwischen Fett und Dummheit. Durch die verbreitete Vorstellung, dass Körperfett die Nervenbahnen abquetsche, galt Dickheit als schädlich für Intellekt und Charakter. So begann die Ansicht, dass dicke Männer auch im Kopf träge sein, ab 1750 populär zu werden. Der Archetyp des dünnen und kultivierten Denkers begann sich durchzusetzen. Da die Probleme des Charakters, als auch des Intellekts zur damaligen Zeit nur Männer zu betreffen schienen, waren Frauen von der Gleichung dick = minderwertig zunächst noch ausgenommen. (Strings, S. 63) Durch dieses Unbetroffen-Sein, galten kräftige, pummelige Frauen in weiten Teilen der westlichen Welt noch bis 1900 als schön. (Merta S. 292)
Doch auch hier gab es Ausnahmen:
Zwischen etwa 1780 und 1850 wirkte ein konkurrierendes bürgerliches Schönheitsdeal: die romantisierte Schwindsüchtige. Der schwindsüchtige Habitus, die Femme fragile, wurde in Romanen, Gedichten und auf Bildern als Schönheit beschrieben – »schmächtiger schlanker Körperbau … feine weiße Haut, gerötete Wangen, dünner langer Hals, flügelförmig hervorstehende Schultern, langer schmaler Extremitäten« Die Verbindung von Tuberkulose und weiblicher Schönheit nahm zwischen 1780 und 1850 zu, und Mode und Schminke ahmten die Symptome nach. Besonders sensible oder spirituelle Seelen von Gott dazu ausersehen waren, jung und „rein“ an dieser Krankheit zu sterben.
Und während der sog. zweiten protestantische Erneuerungsbewegung, die zwischen 1790 und 1850 durch den Nordosten der USA rollte, waren Frauen, wollten Sie als wahre Vertreterinnen der als überlegen betrachteten angel-sächsischen Rasse gelten, zu Diäten gehalten. Sie sollten dünner als die Venus sein, um ihre Kultiviertheit, moralische Stärke und Zugehörigkeit zur zivilisierten Gesellschaft zu beweisen. Die Angst vor dem Dicksein speiste sich hier aus der Vorstellung, Fettleibigkeit sei Zeichen von „Wildheit“ und rassischer Minderwertigkeit. Und diese Angst war so wirkungsvoll, dass der Arzt, Erfinder und Zelot J.W. Kellog, bemerkte, dass die Dünnheit unter jungen Frauen die Gebährfähigkeit der weißen Rasse zu gefährden begann und wiederum entsprechende Gegenmaßnahmen propagierte. (Strings, 2019)
Doch auch für Männer galt die Idee der Schlankeit auch nach der Zeit der „feingeistigen Dünnen“ des 18. Jahrhunderts nicht durchgehend. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt ein „Embonpoint“ (von en bon point „in gutem Zustand“) – also ein kleines Bäuchlein – generell noch als schicklich und als Zeichen der Genussfreudigkeit – erst seit den 1860ern begann ein allgemeinerer »Sturm gegen das Fett«, zunächst in Ober- und Mittelschicht. (Merta, S.203)
Erst durch veränderte landwirtschaftliche Produktionsmethoden (zunehmende Mechanisierung, Düngung und steigende Hektarerträge) sanken die Preise für Lebensmittel, so dass sich auch die ärmeren Bevölkerungsteile gut ernähren konnten. Hunger galt in weiten Teilen der westlichen Welt bald als selten und in dem Maß in dem sich Lebensmittelsicherheit durchsetzte, nahmen auch mehr und mehr Körper von Arbeiter*innen und (Klein-)Bürger*innen der Unterschicht dickere Formen an. Dadurch nun wurde ein schlanker Körper als Distinktionsmerkmal für die Wohlhabenderen interessant. Die suchten nun teure Kur- und Badeorte auf um dort teure Diäten zu machen und so einen vorzeigbar mageren und wohlhabenden Körper herzustellen.
Zur selben Zeit (in den 1860ern) entstanden in den USA und Europa jedoch wiederum sogenannte Fat men’s clubs, in denen weiße Männer mit > 100 kg ihren körperlichen Wohlstand öffentlich zur Schau stellten und sich für ihre Dickheit feierten. Bei deren Treffen wurde unter den Augen der staunenenden Medienöffentlichkeit gewogen, geschlemmt und später auch gewettkämpft. Der New England Fat Men’s Club zählte zeitweise über 10.000 Mitglieder. Bei dessem letzten Treffen 1924 erreichte allerdings keiner der 38 Teilnehmer mehr die 200 Pfund.
Die Blicke auf Körper und die Urteile darüber, was zu tun sei, änderten sich also im Laufe der Jahrhunderte teilweise recht drastisch und waren, wie oben schon geschrieben, abhängig von den Personen, die schauten, sowie von den Personen auf die geschaut wurde, von deren Religion, Geschlecht, Hautfarbe und Einkommen.
Diese Ansichts- und Meinungsvielfalt beim Thema Übergewicht schien sich erst im 20. Jahrhundert zuzuspitzen, in dem die Weltgesundheitsorganisation (WHO), nationale Gesundheitsorganisationen und Versicherungen eine weltweite Epidemie des Übergewichts konstatieren und ein Blick auf Übergewicht zu dominieren begannen, der nun alle Geschlechter, Hautfarben und gesellschaftliche Schichten zu betreffen schien.
Die Industrialisierung des Körpers – korpulent, krank, kaputt

Mitte des 19. Jahrhunderts kursierte im deutschsprachigen Raum eine zeitgenössische „Statistik“, der zufolge Korpulente, freundlich und treu waren, seltener Suizid begingen, seltener kriminell würden und sich seltener an Revolutionen beteiligten als Schlanke. Körperfülle war nicht nur kein medizinisches Risiko, sondern sogar ein politisches Loyalitätssignal. Korpulenz war nach wie vor eine unklar umrissene Unpässlichkeit, „angesiedelt im neutralen Feld zwischen Gesundheit und Krankheit“. (Spiekermann, 2022) Wenn überhaupt sehr starke Korpulenz so etwas wie Gegenmaßnahmen erforderte, galten immer noch die Tipps der Antike: weiche, flüssige und sehr nahrhafte Speisen, starkes Bier und Fette, denen Kräuter-, Obst- und Gemüseextrakte zugegeben wurden, um das dicke Blut zu verdünnen und Nahrungsstoffe besser abfließen zu lassen (ebd.) – zu Ähnlichem hätten auch Hippokrates und Galen in der Antike geraten.
Dass die systematische medizinische Auseinandersetzung mit Übergewicht im Zuge der Industrialisierung überhaupt an Fahrt aufnahm, hatte mehrere Gründe. So gab es schlicht mehr zu behandeln: Mit Liebigs Fleischextrakt, Kondensmilch, Großbrauereien und globalem Zuckerhandel veränderte sich die Nahrungsmittelversorgung geschichtlich einzigartig und zwar während eine wachsende bürgerliche Schicht zunehmend am Schreibtisch saß statt auf dem Feld arbeitete.
Und auch der ärztliche Blick auf Dicke ändert sich in dieser Zeit. Zunächst war eine gewisse Fülle bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eben nicht nur ein Zeichen von Loyalität und Gemütlichkeit, sondern auch für Gesundheit, denn dickere Menschen waren statistisch gesehen krankheitsresistenter. Die Tuberkulose, auch Auszehrungskrankheit genannt, tötete im 19. Jahrhundert ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung in Europa. Vor allem Menschen ohne körperliche Reserven und Jugendliche erkrankten oder starben daran. Durch Hygienekampagnen und die Heilstätten-Bewegung konnte die Tuberkulose jedoch zurückgedrängt werden, sodass sie als Krankheits- und Todesursache zurückging. Und da Lebensversicherer ab den 1890ern begonnen hatten, systematisch Gewicht und Sterblichkeit ihrer Versicherten in Tabellen zu erfassen, war ab 1912 statistisch nicht mehr Magerkeit, sondern Übergewicht das größere Sterberisiko. Die Auszehrungskrankheit, die für dünne Körper vorher so gefährlich war, war auf den Sterbetafeln nach hinten gerückt. Das Übergewicht hatte sie überholt.
Auch neues ernährungsphysiologisches Wissen machte Korpulenz als Risiko vorstellbar: Max Rubner, Begründer der modernen Ernährungsphysiologie und ab 1891 Lehrstuhlinhaber für Hygiene in Berlin, rechnete Arbeitern in seinen Schriften zur Volksernährung vor, ihr geliebtes Wurstbrot sei kalorisch betrachtet ein Verlustgeschäft. Der Körper wurde zunehmend als Maschine betrachtet, dessen Treibstoff sich erstmals beziffern und optimieren ließ. Auch dieses Bild trug dazu bei, Korpulente als vermindert-optimal leistungsfähig oder uneffektiv zu betrachten.
Schlankheit wurde zum bürgerlichen Distinktionsmerkmal: Ein explizit „schlanker, produktiver Körper“ setzte das Bürgertum vom (traditionell stattlichen) Adel ebenso ab wie von den unteren, oft noch nahrungsunsicheren Schichten. Und schließlich professionalisierte sich die Ärzteschaft selbst in genau diesen Jahrzehnten: mehr zahlungskräftige, gesundheitsbewusste Patient*innen trafen auf mehr miteinander konkurrierende Ärzte, die nun langsam auch mehr zum Thema Übergewicht befragt wurden. Und oft nur die Ernährungsratschläge von Galen und Hippokrates geben konnten (ebd.). Das medizinische Wissen zum Übergewicht begann sich in dieser Zeit ganz neu zu entwickeln. In Konkurrenz dazu wurden zu dieser Zeit auch die ersten Schlankheitspräparate wie das wirkungslose Antipostin massenhaft beworben und vertrieben. (Spiekermann 2021)
Ein Bestattungsunternehmer nimmt ab

Einen erstaunlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte ein Amateur auf dem Gebiet der Gesundheit. Damals war es nicht unüblich, dass sich autodidaktische, oft aus eigener Krankheit zum Heilkundler gewordene, medizinische Laien wie Kneipp, Prießnitz oder Bilz öffentlich zu gesundheitlichen Fragen äußerten und die allgemeinen Ansichten zu Krankheit, Gesundheit und Therapien stark beeinflussten.
Der wohl einflussreichste Laie in Bezug auf Übergewicht war der Londoner Bestattungsunternehmer und Hof-Bestatter des englischen Königshofes William Banting. Er musste Treppen rückwärts steigen, nannte sein eigenes Übergewicht einen „Parasiten“ und konsultierte über die Jahre hinweg mehr als zwanzig Ärzte. Doch die angeratenen Ruderausflüge steigerten seinen Appetit und sein Gewicht nur noch mehr und auch heiße türkische Bäder halfen nichts. Also begann er auf Anraten eines Ohrenarztes eine Diät. Er mied Brot, Butter, Milch, Zucker, Bier und Kartoffeln. „Erlaubt“ waren mageres Fleisch und Fisch, Obst und Gemüse, Wein, Tee und abends Grog oder Sherry. Banting veröffentlichte diese Diät 1863 in seinem „Letter on Corpulence“ und spendete sämtliche Erlöse an wohltätige Zwecke – noch bei der vierten Auflage 1869, da waren es bereits 13.000 verkaufte Exemplare. Als Hofbestatter konnte Banting sich das leisten und so wurde sein Letter das erste breitenwirksame Diätbuch der Geschichte. Sein Name ging so sehr in den Sprachgebrauch ein, dass „to bant“ im Englischen – und „bantning“ im Schwedischen – bis heute umgangssprachlich für „eine Diät machen“ stehen. Innerhalb weniger Monate wurde „Bantingism“ zur eigenen Marke: Banting-Zwieback (ab 1865 in Wien erhältlich), Banting-Halskrägen und -Krawatte. Banting hatte die Diät zum Massen-Phänomen gemacht, das zumindest für zwei Jahre bis zum Deutschen Krieg 1866 im Fokus des öffentlichen Interesses stand. (Spiekermann, 2022)
„Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich noch nie so gut gelebt habe wie unter der neuen Ernährungsweise, die ich früher für einen gefährlichen, übertriebenen Eingriff in die Gesundheit gehalten hätte.“
– William Banting 1863 – Letter on Corpulence
Die Entdeckung der Startistik

Noch bevor Banting eine intensive aber kurze Diät-Manie auslöste, begann der belgische Wissenschaftler Adolphe Quetelet in den 1830er Jahren Methoden zur Himmelsbeobachtung auf eine ganz unvorhergesehene und originelle Art und Weise zu nutzen. Auf eine Art, die alsbald gleichermaßen zum Schutz von Gesundheit und Leben der Menschen genutzt werden würden, wie zu deren gezielter Tötung.
Als junger Mensch wollte Adolphe Quetelet Musiker und Dichter werden. Mit 20 schrieb er zusammen mit seinem Freund Georges Dandelin das Libretto zur Oper „Jean Second ou Charles-Quint dans les murs de Gand“ (Donnely, 2014), die 1816 in Gent zweimal aufgeführt wurde. Der Vater des Freundes jedoch sabotierte die Aufführungen und der Jugendtraum wurde beerdigt. Quetelet wandte sich seiner anderen großen Begabung zu: der Astronomie. Mit 23 wurde er zum Doktor der Mathematik und – da es im von Holland besetzten Belgien, wo er wohnte, noch kein Observatorium gab – überredete er die Regierung eins zu bauen. Während der Bauzeit reiste er durch Europa um in anderen Observatorien zu lernen, Sterne zu beobachten und deren Bahnen vorherzusagen. Während seiner Reise und bevor sein Observatorium jedoch eröffnet werden konnte, brach in Belgien – ausgelöst durch eine Oper – die Revolution gegen die calvinistischen Holländer aus, die zunehmend als Besatzer wahrgenommen wurden. Quetelets im Bau befindliches Observatorium wurde von den Aufständigen als Waffenlager genutzt.
Quetelet schien die Sache sportlich zu nehmen: Wenn er nicht Sterne beobachten könne, warum nicht die Methoden der Astronomie auf Menschen anwenden und Vorhersagen zu derem künftigen Verhalten aufstellen? Und das machte er dann auch.

Aber wie machte Quetelet das eigentlich? Die Antwort darauf ergibt eine Parallele zur Geschichte der Pythagoräer*innen. Denn wie diese es 500 v.u.Z. taten, wird der Blick in die Sterne erneut zu Vorschriften und Regeln führen, die das Leben auf der Erde direkt beeinflussen.
Eine der üblichen Arbeiten von Astronomen im 18. Jahrhundert war es, die Geschwindigkeit von Himmelskörpern zu messen um vorherzusagen, wann und wo ein Stern oder Komet auftauchte. Das geschah, indem man die Zeit maß, die ein Objekt – ein Planet, ein Komet oder ein Stern – benötigte, um zwischen zwei parallelen Linien hindurchzulaufen, die auf das Teleskopglas eingraviert waren. Wollte ein Astronom etwa die Geschwindigkeit des Saturn berechnen und vorhersagen, wo dieser in Zukunft erscheinen würde, zählte er die Sekunden sobald er sah, dass der Saturn die erste Linie berührte, solang bis er die zweite berührte.
Diese Methode hatte allerdings ein Problem: Wenn ein Astronom die Zeit zu messen versuchte, die ein Himmelskörper für eine bestimmte Strecke brauchte, war das Ergebnis oft ungenau. Uhren gingen damals pro Tag oft mehrere Minuten vor oder nach. Und bereits eine Zehntelsekunde zuviel oder zu wenig konnte das Messergebnis entscheident verfälschen. Wenn also zehn Astronomen versuchten, die Geschwindigkeit desselben Objekts zu messen, erhielten sie oft zehn unterschiedliche Messwerte. Die Berechnungen und damit die Vorhersagen waren damit kaum brauchbar. Schließlich griff man auf eine Lösung zurück, die ursprünglich als „Methode der Durchschnitte“ bekannt war: Einzelmessungen, die u.a. per Brief oder in Zeitschriften ausgetauscht wurden, konnten zu einem einzigen Durchschnittswert zusammengefasst werden. Dieser gab den tatsächlichen Wert der Messung genauer an, als jede einzelne Beobachtung. (Rose 2016)
Diese Praxis hatte Carl Friedrich Gauß um 1795 als „Methode der kleinsten Quadrate“ bezeichnet und dass bei wiederholten Messungen derselben Größe der arithmetische Durchschnitt der wahrscheinlichste Wert ist – woraus er die Normal- bzw. Gauß’sche Glockenkurve ableitete. Diese Gauß’sche Kurve und den Durchschnitt als wahrscheinlichsten Wert übertrug Quetelet von den Sternen auf die Menschen. Wie der Durchschnitt vieler Messungen die wahre Himmelsbahn liefert, so ergibt, laut Quetelet, der Durchschnitt vieler Menschen den wahren Menschen. Abweichung vom Durchschnitt wurde damit, ganz in der Sprache der astronomischen Fehlertheorie, zum Fehler, ja zur Abweichung von der richtigen Bahn.
„Die meisten Probleme der Populationsdynamik lassen sich ebenso lösen wie jene der Bewegung der Himmelskörper. Es besteht eine überraschende Analogie zwischen den Formeln, die bei diesen Berechnungen verwendet werden.“
– Adolphe Quetelet 1835 – Über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten
Die Geburt des BMI und der Normalität

The Average Young American Male – 55 cm große Gips-Statue, geschaffen 1921 für eine Ausstellung zur Förderung der Eugenik in New York als Modell des Ist-Standes amerikanischer Soldaten. Ergebnis von Messungen und Berechnungen: Ziemlich dünn und unmuskulös.

The Athlete von Robert Tait McKenzie – diese Bronzestatue von 1903 stand dem Average Man am anderen Ende der Eugenics Hall von 1921 gegenüber.
Mit Hilfe dieser statistischen Methoden, die bisher hauptsächlich zur Ermittlung von Bevölkerungswachstum anhand von Geburts- und Sterberaten genutzt wurde, entwickelte Quetelet ein weiteres Werkzeug, das binnen weniger Jahrzehnte das mächtigste Instrument zur Gewichtsregulation werden sollte – den Body-Mass-Index. Dieser, damals noch Quetelet-Index genannte, Wert beruht auf den Daten von 5.738 schottischen Soldaten, deren Brustumfang und Körpergewicht gemessen wurde, um die Größen der Uniformen zu ermitteln, die für sie angefertigt werden mussten. Auf diese Auswahl gemusterter junger, wehrfähiger Männer wandte Quetelet nun sein Wissen an und zeigte, dass sich damit ein körperliches Merkmal einer Bevölkerung derselben Gesetzmäßigkeit fügt wie Messfehler in der Astronomie: einer Glockenkurve.
Bereits elf Jahre zuvor, 1835, hatte Quetelet aus einer kleineren Untersuchung ein Gewicht-Größe-Verhältnis von 5 zu 6 ermittelt.. Aus dieser Erkenntnis folgerte er algebraisch, dass es normal und natürlich sei, dass das Gewicht ungefähr im Quadrat zur Körpergröße wächst. – Aus der Anwendung für die Astronomie entwickelter Methoden auf eine Auswahl kriegstüchtiger Männer ging so ein Begriff hervor, der sich als allgemeingültiger, geschlechtsneutraler Maßstab für alle Menschen schlechthin präsentiert und ein Jahrhundert später von Ancel Keys als Body-Mass-Index wiederentdeckt und benannt, bis heute für alle Menschen gleichermaßen herangezogen wird.
Statt eines Modells kosmischer Schönheit und himmlischer Gesetze als Vorbild des idealen Körpers, wie in der Antike, wird nun eine Zahl zum Normalfall erklärt, an der alle Körper gemessen und verglichen werden. Die Harmonie der menschlichen Proportionen, die sich aus dem vermuteten Abstand von Planeten zueinander festlegen ließe, wird nun ersetzt durch den Körper des Otto Normalsoldaten. Santorio Santorio erkannte im 17. Jahrhundert für den individuellen Körper, dass sich durch Messen interessante Erkenntnisse gewinnen lassen. Nun machte Quetelets neues Werkzeug dieses Erkennen auf ganze Bevölkerungsgruppen anwendbar.
„Was für eine Galaxie von Genies könnten wir da nicht erschaffen!“

Während Alkmaions isonomia auf der Idee der Balance basiert – Gesundheit als Gleichgewicht gleichberechtigter Kräfte, keine hierarchisiert über die andere – kippt die moderne statistische Norm langsam in eine hierarchisierende, eugenische Logik: Francis Galton stieß auf Quetelets Arbeit ausgerechnet während er an seinem Buch Hereditary Genius (1869) schrieb. Während sich Quetelet für den Durchschnitt als stabilen, definierenden Mittelwert einer Population interessierte – Abweichung davon war für ihn im Kern ein Fehler, ganz wörtlich in der Sprache der astronomischen Fehlertheorie gedacht, aus der er seine Statistik entlehnt hatte – fragte Galton dagegen, angeregt durch seinen Halbcousin Charles Darwin und dessen fünf Jahre zuvor erschienene Evolutionstheorie: Wie lassen sich in einer Bevölkerung gute – d.h. in Richtung Genie gehende – Abweichungen vom Mittelwert fördern und solche vermeiden, die Genialität mindern? Und lassen sich diese Abweichungen vererben? Wenn ja: ließe sie sich eine Bevölkerung gezielt in eine Richtung verbessern?
Aus dieser Frage entwickelte er neue statistische Werkzeuge (z.B. Korrelation) und 1883 den Begriff „Eugenik“ für sein eigentliches Ziel, die „Verbesserung der menschlichen Rasse“. Aus Quetelets Werkzeug zur Bevölkerungsbeschreibung wird bei Galton ein Instrument zur aktiven „Bevölkerungsgestaltung“ – der Schritt von der Statistik zur Selektion.
Was ist ein guter Körper? Die Politisierung und Medikalisierung dicker Körper

Standbild aus „Wege zu Kraft und Schönheit“ von 1925. Einem der ersten aber lange noch nicht letzten staatlichen Körper-Erziehungsfilmen
Im 19. Jahrhundert wurde mittels Statistik eine ganz neue Art von Wissen über Menschen und Bevölkerungen hergestellt. Das Wissen über Gesundheit wurde schon bald Gegenstand ganz neuer Interessensformen – und zwar öffentlich sichtbar auf Kinoleinwänden, Werbe-Plakaten und in Ausstellungen sowie auf Demonstrationen und in Selbsthilfegruppen. Auf die Frage, wer künftig über den richtigen Körper entscheiden würde, gab das Jahrhundert mindestens drei sehr unterschiedliche Antworten: der Staat, der Markt und politische Aktivist*innen.
Während durch eine Unmenge an obskuren, wirkungslosen und teuren Abnehm-Mitteln private Abnehmwünsche geweckt wurden, begannen ab 1912 zunächst amerikanische Lebensversicherungen, Körpergewicht systematisch als Risikofaktor in Tabellenform zu erfassen. der Körper wurde damit zum ökonomisch kalkulierten Objekt. Im Jahr 1925 feierte dann der Weimarer Kulturfilm Wege zu Kraft und Schönheit Tanz, Sport und freien Körper als moderne Lebensreform – mit einem verblüffenden internationalen Cast, darunter Boxer Jack Dempsey, der britische Ex-Premierminister David Lloyd George, Benito Mussolini und, in einer Nebenrolle als Tänzerin, Leni Riefenstahl. Und während die 1960er die ersten staatlichen Abnehmkampagnen und prvaten kommerziellen Abnehm-Firmen hervorbrachten, nahmen von Übergewicht betroffene Menschen das Heft des Handelns zunehmend selbst in die Hand.
Der Staat gegen Fett

Regierungen begannen um die Jahrhundertwende dem Fett den Prozess zu machen. Die Regisseurin und Kamerafrau Leni Riefenstahl überblendete in ihrem Propagandafilm „Olympia“ die Statue des Diskoswerfers, der sich in Zeitlupe in einen lebendigen Athleten am Meer verwandelt. – Wo Polyklet rund 2500 Jahre zuvor ein einzelnes Standbild als Vorlage für andere Bildhauer schuf, wurden jetzt bewegte Bilder für ein Millionenpublikum im Kino geschaffen. Die Idee vom Körper als Vorbild ähnelte dem der Antike, technisch war es jetzt allerdings möglich, alle Menschen damit zu beeinflussen. Mit dem Massenmedien Film wurden ergänzend auch Filme wie „Jud Süß“ gedreht, die jüdische Körper als deformiert und angsteinflößend inszenierten, um in der Bevölkerung Angst und Abscheu zu verbreiten. Der Körper wurde damit vom individuellen Gesundheitsthema bürgerlicher Kreise, das er im 19. Jahrhundert war, zum direkten Instrument einer sexistischen, rassistischen und fett-feindlichen Staatsästhetik.
Der Bericht, der den Präsidenten schockte
Bereits Jahre vor dem Sputnikschock wurden die USA von einem anderen Ereignis erschüttert. Hans Kraus und Ruth P. Hirschland hatten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und den Sorgen des Militärs (viele junge Männer galten bei Musterungen im Zweiten Weltkrieg und im Koreakrieg als unfit) bemerkt, dass US-amerikanische Schulkinder deutlich schlechter abschnitten, als Vergleichsgruppen in Europa. Die Studie verdichtete diese Sorge zu einem öffentlich wirksamen Symbol: Amerika sei im Begriff, körperlich „weich“ zu werden.
Die amerikanische Regierung richtete einen „Rat des Präsidenten für Jugend-Fitness“ ein. J.F. Kennedy schrieb einen aufrüttelnden programmatischen Artikel „The Soft American“ in Sports Illustrated und setzte auf einen bundesweit sichtbaren Ansatz aus Rat, Unterrichtsmaterialien, Fitness-Tests und Öffentlichkeitsarbeit. Ein Teil davon war der Jugend Fitness Song, „Chicken Fat“, der eigens vom Broadway komponiert und aufgenommen wurde und in Schulen zum Nachturnen von Schallplatten gespielt wurde.
Unter dem Vorwand der Gesundheitsvorsorge wurden in vielen am Kalten Krieg beteiligten Ländern Regierungsprogramme wie „Krieg gegen das Fett“ aufgelegt, die nach dem zweiten Weltkrieg populär wurden (der erste entsprechende Lobby-Verein entstand 1950 in Finnland) und Aufklärungsfilme produzierten. Ein leistungsfähiger, schlanker und starker Körper galt dabei als Zeichen eines gesunden und modernen Staates. Dicke Körper passten schlecht zu Vorstellungen von Stärke und Produktivität.
Versicherungen gegen Fett

„Jedes Mitglied hat ein Eintrittsgeld zu erlegen, welches
beträgt bei einem Lebensalter
bis zu 25 Jahren — fl. 30 kr.
von 25 bis 30 Jahren — fl. 1.—
„ 30 „ 35 „ — fl. 2.—
„ 35 „ 40 „ — fl. 3.—
„ 40 „ 45 „ — fl. 5.—
„ 45 „ 50 „ — fl. 7.—
Der regelmäßige Beitrag beträgt monatlich 12 Kreuzer
(fl.=Gulden kr.=Kreuzer)
Menschen hatten schon seit Jahrtausenden Möglichkeiten gefunden, um sich bei Krankheit, Unglücken, Arbeitsunfähigkeit oder dem Tod von Angehörigen zu unterstützen. Spätestens seit dem Mittelalter sind Knappschaften, Bruderläden und Sterbekassen nachgewiesen. Diese funktionierten als Solidargemeinschaft mit regelmäßigen Einzahlungen aller Mitglieder und bedarfsweisen Auszahlungen. Ziel war es, die Mitglieder bei Eintritt eines Versicherungsfalls mit Geld und Arbeitsleistungen (z.B. Sargtragen) zu unterstüzen. Zunächst waren es Angehörige von Zünften, Gesellenvereinigungen, Berufsorganisationen, die Beiträge zu solchen Kassen zusammenlegten, später auch ärmere Nachbarschaften. Namen dafür waren Totenladen (von „Lade“: einem Behältnis für Geld) – Sterbe-, Grabe- oder Leichenkassen (auch „Sterbelade“, „Begräbniskasse“).
Lange war es üblich, dass die Mitglieder unabhängig von Alter oder Gesundheitszustand einzahlten – „ohne jede mathematische Grundlage“ (Koch, 1998). Später wurden bei höherem Eintrittsalter auch höhere Eintrittsgelder fällig. Diese Eintrittsgelder und geringe jährliche Beiträge flossen in eine gemeinsame Kasse. Starb in einem Jahr ein Mitglied, wurde das Geld, was in diesem Jahr war, an dessen Witwe, Waisen und für die Beerdigung ausgezahlt. Starben in dem Jahr viele Mitglieder, erhielt jede Familie, der in diesem Jahr verstorbenen nur eine Anteil; starben wenige, fiel der Anteil größer aus. Eine langfristig garantierte Todesfallsumme oder altersabhängige Prämien sowie Reserven für schlechte Zeiten waren noch nicht der Standard. Aus dieser Tradition leiten sich bis heute bestehende Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit ab, etwa die Vorsorgekasse Hoesch und der Bochumer Versicherungsverein mit je über 100.000 Mitgliedern
Die erste private kommerzielle Versicherung, die auf Basis von im Jahr 1693 erstellten Sterbetafeln des Astronomen Edmond Halley arbeitete – also wissenschaftlich, im Gegensatz zu „Pi mal Daumen“ bzw. als Glücksspiel wie bis dahin -, gründete sich Im Jahr 1762 mit der Equitable Life Assurance Society in London. Weitere solche Unternehmungen folgten und um 1800 waren in Großbrittanien etwa 10.000 Versicherte bei solchen Firmen versichert: oft Mitglieder des Adels und Pfarrer, die ihre Kreditwürdigkeit erhöhen und für Hinterbliebene sorgen wollten. (Clark, 1999; Alborn, 2024).
In Deutschland gründete sich die erste private Versicherung dieser Art im Jahr 1827 in Gotha, angeblich nachdem den Erben des kurz zuvor verstorbenen Herzog Friedrich IV. von Sachsen-Gotha-Altenburg von einer britischen Versicherung die Auszahlung der Versicherungssumme vorenthalten wurde.
Die statistischen und versicherungsmathematischen Methoden – die u.a. von den Astronomen Edmond Halley und Carl Friedrich Gauß, entwickelt worden waren – ermöglichten es den Versicherungsfirmen schon bald, Sterblichkeitsrisiken, Prämien und Geldreserven zu berechnen. Dadurch wurden ganz neue Formen der Versicherung denkbar: Versicherte, die noch länger lebten, wurden „bessere Wetten“, als solche, die schon bald stürben und denen man die Versicherungssummen schon bald auszahlen müsste. Das lies sich jetzt berechnen. Und dennoch konnten auch letztere für Versicherungen attraktiver werden, wenn man höhere Beiträge von ihnen verlangte. Das tat man. Der Markt für Lebensversicherungen expandierte.
Zugleich erhoben die Versicherungsfirmen mehr und mehr Daten ihrer Kunde*innen und setzten diese mit der Lebensdauer ihrer Versicherten ins Verhältnis, um voraussagen zu können, welche Eigenschaften früheren oder späteren Tod wahrscheinlich machten. Krankengeschichten und – da sie leicht festzustellen und zu sammeln waren – auch Größe, Geschlecht Umfang und Gewicht waren solche Daten. Anfangs verlangten Versicherungen eine Untersuchung durch den Hausarzt sowie ein Gesundheitszeugnis durch einen Freund. Beides schien nicht lange vertrauenswürdig genug, denn bald wurde eine Eingangsuntersuchung per Augenschein, durch einen bei der Versicherung angestellten „medical director“, Vorraussetzung für die Aufnahme.
Diese medical directors schauten auch auf das Gewicht, denn damals war die Idee weit verbreitet, dass sich am Gewicht die Gesundheit ablesen ließe. Ein leichtes Übergewicht wurde als der Gesundheit zuträglich empfunden (da der Körper im Fall einer Krankheit oder eines Notfalls eine Reserve hatte), wohingegen eine leichte Abweichung des Gewichts nacht unten als Risiko angesehen wurde. Bis ins späte 19. Jahrhundert betrachteten Ärzte einen untergewichtigen Körper mit größerer Besorgnis als einen übergewichtigen, da dünne Menschen „nicht in der Lage seien, großen Belastungen standzuhalten“ – also im Krankheitsfall weniger körperliche Reserven hatten. Und ab 1880 verbanden sie mit dem „langen, schlaksigen und kränklich aussehenden Menschen“ sogar das spezifischere Risiko des Todes durch Tuberkulose. (Alborn 2024)
So schrieb der britische Arzt John Gardner 1875 in seinem Ratgeber für ein langes Leben „Longevity : The means of prolonging life after middle age“: „Die gängige Redewendung, die für Menschen mit rundlichen Formen, mäßigem Übergewicht, reiner Haut und einem rosigen Teint verwendet wird – dass sie „in guter Verfassung“ seien –, entspricht den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dieser Zustand geht meist mit gesunden inneren Organen einher, was sehr wünschenswert und vielversprechend ist.“ (Gardner 1875)
Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen sich immer mehr Versicherungsärzte Sorgen um übergewichtige Antragsteller zu machen, obwohl sie bereits 1850 Fettleibigkeit mit „Herzerkrankungen, Schlaganfall und Stauungserscheinungen“ in Verbindung brachten. (Alborn 2024)
Mit Hilfe der systematisch gesammelten Daten konnte mathematisch festgestellt werden, dass bald nicht mehr Untergewicht ein Gesundheitsrisiko war, wie es vor der Entwicklung von Tuberkulose-Medikamenten war, sondern Übergewicht auf der Überholspur vorbeizog.
Im Jahr 1943 veröffentlichte die Metropolitan Life Insurance Company (USA) „Ideal Weight Tables“ basierend auf der Auswertung von Millionen Policen. Diese Tabellen zeigen erstmals eine Korrelation zwischen erhöhtem Gewicht und höherer Sterblichkeit.
Der französische Wissenschaftshistoriker und Philosoph Georges Canguilhem der den Zusammenhang zwischen beobachtetem Wert und Norm kritisierte, bietet als Gegenkonzept an: Ein Organismus setzt seine eigenen, lebendigen Gesundheitsnormen selbst – Gesundheit ist nicht Anpassung an einen fremden Durchschnitt, sondern die Fähigkeit, eigene Normen zu leben und bei Bedarf neue zu entwickeln Dieser Gedanke wird uns im letzten Abschnitt zur hypnosystemischen Praxis wiederbegegnen.
„Insofern Lebewesen vom spezifischen Typ abweichen, sind sie dann Anomalien, die den spezifischen Typ gefährden, oder vielmehr Erfinder auf dem Weg zu neuen Formen?“
– Georges Canguilhem 1966 – Das Normale und das Pathologische
Supermittel gegen Fett

Der Markt für Abnehm-Mittel als käufliche, öffentlich beworbene und markenförmige Produkte, die versprechen, Fett direkt aufzulösen, ohne dass man etwas dafür tun müsse, entstand Mitte des 19. Jahrhunderts – etwa zur Zeit, in der auch Bantings Letter on Corpulence zum Bestseller wurde.
Doch auf Bantings eher besonnenen Ansatz der Diät folgte im 20. Jahrhundert ein länger anhaltender Boom des Abnehmens. Und während zunächst noch viele der meist wirkungslosen Abnehmmedikamente von medizinischen Laien und geschäftstüchtigen Kaufmännern hergestellt und vertrieben wurden, stiegen mit einer Pharmazie, die sich mehr und mehr als an die Medizin angelehnte Wissenschaft zu verstehen begann, auch die – wenngleich nur vorübergehende – tatsächlichen Wirkungen dieser Mittel. Allerdings auch die Nebenwirkungen.
Algen gegen Fett: Allan’s Anti-Fat
1811 wird aus der Pflanze Fucus vesiculosus, gemeinhin Blasentang genannt, in Frankreich erstmals Jod isoliert. Doch erst 70 Jahre später berichtete der englische Arzt Thomas Fairbank 1879 im British Medical Journal, er habe „vor mehr als fünfzehn Jahren einer sehr korpulenten Dame“ Blasentang-Extrakt in Pillenform gegeben und sie habe binnen drei Monaten rund 19 kg verloren, ohne ihre Ernährung zu ändern.
Fairbank beschrieb diesen Fall für seine Kolleg*innen. Die Botanic Medicine Company jedoch, die seit 1878 „Allan’s Anti-Fat“ herstellte (einen flüssigen Blasentang-Extrakt zu 6 Shilling 6 Pence für eine Flasche) machte – nachdem sie auf Fairbanks Fallbeschreibung aufmerksam geworden war – daraus gleich eine medizinische Empfehlung, mit der sie ihr Extrakt bewarb, obwohl Fairbanks Allan’s Anti-Fat weder kannte, noch je Rezeptur oder Empfehlung für das Präparat verfasst hatte. (Rance 2009)
Allan’s Anti-Fat war damit eines der ersten Präparate, die das Format etablierten, welches die Branche der Abnehmmitel bis heute prägt: eine Marke, eine Erzählung von ärztlicher Bestätigung und ein einzelner (vermeintlich) wirksamer Inhaltsstoff, der müheloses Abnehmen ermöglicht.
Bis 1976 konnten Medikamente in Deutschland ohne medizinische Zulassung auf den Markt gebracht werden. Auf einem Markt, der durch ein wachsendes Körperbewusstsein und mit Marketing erzeugte Bedürfnisse steigende Gewinne versprach, war dem Verkauf von bestenfalls wirkungslosen und schlimmstenfalls tödlichen Abnehmmitteln daher Tür und Tor geöffnet. Schwach aufgestellte Aufsichts- und Kontrollmöglichkeiten ließen die Hersteller lange Zeit tun, was sie wollten. Und was sie wollten, war Geld verdienen.

Berlin (Die Hauptstadt der Geheimmittel) gegen Fett
In Deutschland beginnt die Geschichte der Schlankheitsmittelchen mit Wasser. Seit den frühen 1870er Jahren vermarkteten Bäder und Kurorte, die für renommierten und teuren Gesundheitstourismus standen, leicht abführende, kohlensäurehaltige Heilwässer als häusliche Fortsetzung der Trinkkur. Bald wurden deren Mineralsalze eingedampft und als Pastillen verkauft. Als „Kur für zu Hause“ waren sie nun auch für die weniger gut Betuchten erschwinglich. Die Pastillen halfen zwar wenig, solange man nicht zugleich Ernährung und Bewegung änderte, doch die Suggestion der mühelosen und wundersamen Gesundung sorgte für Absatz und schuf einen Markt für alles, was ab den 1890er Jahren nachkam. (Spiekermann 2021)
Berlin war für diesen Markt kein zufälliger Ort. Die Stadt hatte um 1900 eine leistungsfähige pharmazeutische Industrie, ein dichtes Netz kleiner Versandfirmen und eine Massenpresse (Die Woche, die Berliner Illustrirte), die diesen Firmen erstmals ein Millionenpublikum erschloss. Wer sein Präparat als „kosmetisches Mittel“ statt als Arznei verkaufte, umging die Kontrolle der schwerfälligen und laxen Arzneimittelverkehrsverordnungen und konnte frei verkaufen. Selbst wenn also ein Stoff auf die sog. Giftliste gesetzt wurde, konnte das behördliche Verfahren oft Jahre dauern. Innerhalb dieses Zeitfensters ließ sich gut verdienen. (Spiekermann 2021)

Exkurs: Der Fall Marlier
Ein besonders erfolgreicher Unternehmer auf diesem Markt der wirkungslosen Abnehmmittel war der ursprünglich aus Nürnberg stammende Ernst Marlier (1875–1948). Als gelernter Kaufmann und bereits wegen betrügerischer Kreditvermittlung verurteilt, betrat er das Milieu der Wundermittel im Jahr 1903. Bis 1914 verdiente er in Deutschland und Österreich-Ungarn um die vier Millionen Mark mit dem Verkauf von Pülverchen, die in einer runden Blechdose, 73 Gramm für 2,25 Mark, angerührt in Wasser zu trinken waren. Sie hatten Namen wie Slankal, Antipositin und Vitalito und bestanden aus 30 % Weinsäure, 16 % Zitronensäure, 4 % Weinstein, 14 % Kochsalz und 36 % Natriumkarbonat – ein leicht abführender Mix aus leicht herstellbaren Chemikalien, das der Hersteller als konzentrierte „Fruchtsäuren und Fruchtsalze“ zur Körperpflege verkaufte. Beworben wurden sie für die damlige Zeit äußerst aggressiv mittels sog. Death marketing. (Spiekermann 2021)
Von den Erträgen ließ sich Marlier 1914/15 eine repräsentative Villa an der Straße Am Großen Wannsee bauen. Sie gelangte über die SS-nahe „Stiftung Nordhav“ 1941 in den Besitz Reinhard Heydrichs. Am 20. Januar 1942 fand in diesem Haus die Wannseekonferenz statt. (Spiekermann 2021). Die Geschichte der Körpernormen trifft hier auf die Geschichte des Holocaust – zwei verschiedene Kapitel, die sich die selbe Idee vom richtigen gesunden und falschen kranken Körper teilen und sich scheinbar zufällig im gleichen Haus über den Weg laufen. Marlier starb 1948 als geachteter Geschäftsmann.
Marliers Mittelchen und die vieler anderer Hersteller und Verkäufer funktionierten, wenn überhaupt, als milde Abführmittel – dieselbe „Ausleitungs“-Logik, die schon Galens sex res non naturales strukturierte und beschreibt. Aus „Blut wärmer und schärfer machen“ wird „Stoffwechsel beschleunigen“, aus Radieschen und Essig werden „Fruchtsäuren in konzentrierter Form“. Und ähnlich wie Marlier sich mit gefälschten Gutachten und Attesten um Seriosität und Wissenschaftlichkeit bemühte, werden auch heute mit aggresiver Werbung gefälschte Abnehmpräparate auf den Markt geschoben.
Mit dem einer sich professionalisierenden Pharmazie wurden jedoch schon bald auch echte und wirkungsvolle Abnehm-Mittel produziert. Leider hatten die meisten dieser Medikamente auch oft so erhebliche Nebenwirkungen, dass sie nach einer Zeit verboten wurden.
Schilddrüsenmittel gegen Fett
1888 hatte die britische „Myxedema Commission“ zunächst nachgewiesen, dass das Fehlen der Schilddrüse zu Gewichtszunahme und Anschwellungen führt, was sich durch Schilddrüsenextrakt umkehren lässt. Kaum war dieses Wissen etabliert, testeten Ärzte das Schilddrüsenextrakt gegen Übergewicht. 1893 machten Berichte von verlorenen 28 Pfund in 6 Wochen die Runde und 1894 wurden von Burroughs, Wellcome & Co. in London und von Merck in Darmstadt die ersten Thyreoidin-Tabletten auf den Markt gebracht. Sie beschleunigten den Stoffwechsel spürbar und ließen Pfunde purzeln. Und auch wenn zum ersten Mal in der Geschichte Abnehmmittel verkauft wurden, die auf einem tatsächlich verstandenen wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkmechanismus beruhten – einer Hormonwirkung auf den Grundumsatz – statt auf einer Analogie, wie bei Galen oder Zufallsbeobachtung wie bei Allan’s Anti-Fat (Spiekermann 2021), hatten diese Mittel starke, teils lebensgefährliche Nebenwirkungen, weshalb sich seriöse pharmazeutische Hersteller aus Angst um ihren Ruf aus diesem Marktsegment wieder zurückzogen.
Die Pharmazeutische Industrie gegen Fett

1933 fanden zwei Stanford-Forscher durch Zufall heraus, dass während des ersten Weltkriegs einige Rüstungsarbeiter sehr stark an Gewicht verloren hatten. Nachforschungen brachten heraus, dass die Industriechemikalie DNP (2,4-Dinitrophenol) – eigentlich für Sprengstoff und Fotoentwickler gedacht – bei Körperkontakt als Nebenwirkung radikalen Gewichtsverlust auslöste. Die Erkenntnis wurde kommerzialisiert und bis 1934 hatten schon über 100.000 Patienten rund 1,2 Millionen Kapseln gekauft. DNP entkoppelt die Energiegewinnung der Zellen, der Körper verbrennt sich buchstäblich von innen. Es kam zu Todesfällen durch Überhitzung, die US-Arzneimittelbehörde FDA verbot den Stoff 1938, jedoch wurde sie noch lange illegal weiterverkauft.
Ab den 1930ern dann wurden bei Abnehmwünschen massenhaft Amphetamine wie Benzedrin und Dexedrin verschrieben, in den 1950er- und 60er-Jahren oft als bunte Kombinationspräparate mit Schilddrüsenhormon, Diuretika und mitunter Digitalis, im Volksmund „Rainbow Pills“ genannt. Auch hier kam es zu mehreren Todesfällen, so dass ab den 1960ern zunehmend reguliert wurde.
Fen-Phen, war mit einer Kombination aus Fenfluramin und Phentermin ein anderes populäres Medikament zum Abnehmen. 1997 stellte sich nach über 18 Millionen Verschreibungen allein in den USA heraus, dass es die Herzklappen schädigte. Es folgte einer der größten Arzneimittel-Vergleiche der Geschichte. 2008 wurde Rimonabant, in Europa zugelassen, wegen erhöhten Suizidrisikos wieder vom Markt genommen. Und 2010 folgte Sibutramine wegen erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos – die US-Behörde fand den Wirkstoff Jahre später noch in Hunderten als „natürlich“ beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln. Im Jahr 2020 traf es Lorcaserin, wegen erhöhten Krebsrisikos. Sechs Kapitel derselben Geschichte in weniger als hundert Jahren.

Der aktuelle Stand der Abnehm-Medikamente
Mittlerweile gibt es GLP-1-Abnehmmedikamente wie Wegovy, Mounjaro, Saxenda oder Ozempic als Spritze oder als Pille mit kurzfristigen Gewichtsverlusten bis über 20 %. Zum ersten Mal seit dem Schilddrüsenmedikament Thyreoidin beruht mit den GLP-1-Präparaten ein massenhaft verschriebenes Abnehm-Mittel wieder auf einem gründlich, in großen randomisierten Studien geprüften Mechanismus, statt auf bloßen Marketingbehauptungen. Ähnlich wie jedoch schon die Vitalito-Reklame 1911 „kein Zwang zu Hunger- und Diätkuren oder Sport“, versprach, werben auch heute viele Anbieter dieser oder ähnlicher Medikamente mit mühelos schmelzendem Fett. Ob als rezeptpflichtiges Original oder im Netz erhältliche Fälschung kommen bei monatlich 130–500 €, bei 12–24 Monaten Behandlung schnell 2.000–10.000 € zusammen, die von den gesetzlichen Krankenkassen in der Regel nicht übernommen werden. Die Wirkung hält solange man spritzt oder die Tabletten zu sich nimmt: Nach dem Absetzen sind im Schnitt binnen eines Jahres etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts zurück und nach 2 Jahren fast alle Pfunde komplett wieder da.
Doch nicht nur Spritzen, Pillen und Pülverchen versprachen und versprechen selten realistische Abnehm-Erfolge:
Weight Watchers gegen Fett



Im Jahr 1963 gründete Jean Nidetch eine Firma fürs Abnehmen, die binnen achtzehn Monaten in ein Franchise-Unternehmen überführt wurde und fünf Jahre später an der Börse war – die Weight Watchers.
Noch zwei Jahre zuvor hätte sich Jean Nidetch das kaum träumen lassen. 1961 meldete sie sich im Alter von 36 Jahren bei einer kostenlosen Adipositas-Sprechstunde des New Yorker Gesundheitsamts an, fand diese aber trocken und unpersönlich. Also lud sie sechs ebenfalls übergewichtige Freundinnen zu sich nach Hause ein, um gemeinsam über Essgewohnheiten und deren Beweggründe zu sprechen und sich emotional beim Abnehmen zu unterstützen. Die Runde wuchs rasch.
Es gab damals bereits weitere Abnehm-Selbsthilfe-Organisationen. „TOPS“ entstand 1948, die Mitglieder unterstützten sich nach dem Vorbild von Geburtsvorbereitungskursen gegenseitig dabei Gewicht zu verlieren. „Overeaters Anonymous“ gründete sich 1960 nach dem Modell der Alcoholics Anonymous um Essverhalten zu verändern, das dem Benehmen von Alkoholikern oder Spielsüchtigen zu ähneln schien. Ähnlich wie die Weight Watchers sind beide bis heute aktiv.
Doch im Unterschied zu den Treffen der Overeaters und TOPS formten zwei Teilnehmer*innen des wöchentlichen Weight Watchters-Treffs, dem Ehepaar Felice und Albert Lippert (beide studierte Unternehmer*innen), im Lauf der Sitzungen nicht nur die Vision eines schlanken Körpers, sondern auch eines Geschäftsmodells. Im Jahr 1963 überredeten sie Jean Nidetch und ihren Mann, den Busfahrer Marty, gemeinsam mit ihnen die Firma Weight Watchers zu gründen. Die Firma wuchs so stark und schnell, dass sie schon bald zu groß wurde um von ihren Gründer*innen betrieben zu werden – Albert Lippert hatte in der Zeit zwei Herzinfarkte – und 1978 an H.J. Heinz – eine Lebensmittelfirma – verkauft wurde. Für ca. 100 Millionen US-$. (Cicarelli, 2026)
Im Jahr 2012 machte Weight Watchers International Umsätze von 1,836 Mrd. US-Dollar. Der Körper war Gegenstand einer neuen Form organisierter, dauerhafter sozialer Kontrolle unter Peers geworden. Weight Watchers war es gelungen die Idee der Selbsthilfe und die Idee eines normalen Körpergewichts in laminierte Abnehm- und Kalorien-Tabellen umzuwandeln und zu verkaufen. Quetelets Idee war angekommen.
You can do anything you want to. Follow your dreams; because if you say you can’t do it, you’ll spend the rest of your life proving it.
– Jean Nidetch zugeschrieben
„Wenn alle fett wären, gäbe es keine Kriege“

Doch die zunehmende Ausbreitung und Akzeptanz dünner Körperbilder begann auch ein paar Menschen gehörig auf die Nerven zu gehen. Zumal Ablehnungen bei Bewerbungsgesprächen, Mobbing, Werbung für Diät-Produkte oder Regierungsprogramme, die dicker erscheinende Menschen lächerlich machten und als dumm und unbeherrscht darstellten, von vielen Betroffenen als diskriminierend erlebt wurden.
1967 organisierte sich zum ersten Mal öffentlich Widerstand gegen solche Körperbilder. Der New Yorker Radiomoderator Steve Post rief zu einem „Fat-in“ im New Yorker Central Park auf: Rund 500 Teilnehmende kamen zusammen und protestierten gegen die Diskriminierung dicker Menschen. Sie aßen demonstrativ, trugen Fotos des Magermodels Twiggy vor sich her und verbrannten Diätbücher (NY Times, 1967).
Dieses Ereignis inspirierte den Journalisten Lew Louderback einen persönlichen Artikel „More People Should Be Fat“ in der „Saturday Evening Post“ über die Erfahrungen zu schreiben, die er und seine Frau als Einschränkung der Bürgerrechte dicker Menschen erlebten: dicken Politessen wurde mit Kündigung gedroht, dicke Student*innen wurden an Universitäten benachteiligt und dicke Menschen wurden in den Medien verächtlich gemacht. Der Biomedizintechniker Bill Fabrey las Lew Louderbacks Artikel. Bill Fabrey, dessen Frau ebenfalls wegen ihres Gewichts ausgegrenzt wurde, beschloss, etwas zu unternehmen. Er schrieb einen Brief an Lew, in dem er ihn um Hilfe bei der Gründung einer Organisation zur Akzeptanz von Übergewichtigen bat. Bill und Lew trafen sich 1969 und gründeten die „National Association to Aid Fat Americans.“. Das war die Geburtsstunde der Fat-Acceptance-Bewegung. Zum ersten Mal gab es eine organisierte Stimme, die diese Pathologisierung ablehnte. Diese Bewegung forderte nicht etwa, Wohlbefinden zu verwerfen, sondern die fremdgesetzte Norm und Fähigkeiten der Selbstsorge vom Erreichen von Wohlbefinden abzukoppeln.
„Wenn alle fett wären, gäbe es keine Kriege. Niemand würde durch die Musterung kommen.“
– Jerry Freedman – Teilnehmer beim ersten Fat-in im New Yorker Central Park 1967
Bodyshaming – also das Beschämen von Menschen mit mehr Gewicht – ist auch in Deutschland Thema. Ob Udo Jürgens‘ „Aber bitte mit Sahne“ (1976) ,Heidi Klums Top-Models oder weltweit angepasste Abnehm-Shows wie „The Biggest Loser“ machen sich über dicke Menschen lustig, betonen und predigen die positiven Aspekte dünner Körper und des Abnehmens und verschweigen die damit verbundenen Risiken. Auch in Deutschland gibt es Bewegungen und Einrichtungen, die sich gegen Gewichtsdiskriminierung einsetzen, z.B. die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e.V., die Betroffene berät, Teile der Gesellschaft aufklärt und gegen Ausgrenzung als übergewichtig gelabelter Menschen lobbyiert, um die soziale Benachteiligung von dicken Menschen zu beenden.
Foucault bei den Weight Watchers

Die 68er waren aufregende Jahre – vielleicht waren sie am aufregendsten in Frankreich. Dort, um genau zu sein natürlich in Paris, sympathisierte der Philosoph Michel Foucault mit den Demonstrationen und Revolten gegen schlechte und undemokratische Studienbedingungen, baute zusammen mit anderen Philosoph*innen eine neue Universität auf und schrieb für die neugegründete Zeitschrift „Liberation“ (Befreiung).
Wenn er nicht demonstrierte oder schrieb, dachte Foucault über die Frage nach, wie eine offenbar allgegenwärtige Macht wirkte, die ohne Verbote auskommt – auf Körper, auf Geschlecht, auf Gesundheit. Damit stiftete er Wissenschaftler*innen an, zu untersuchen, wo sich diese Macht im Alltag oder in bestimmten Lebensbereichen denn tatsächlich sicht- und fühlbar machte.
Vor allem Sandra Bartky und Susan Bordo untersuchten, inspiriert von Foucault, das Wirken solcher Macht auf weibliche Körper. Bartky betrachtete in ihrem Aufsatz „Foucault, Femininity, and the Modernization of Patriarchal Power“ (1988) die Diätpraktiken, Schönheitsrituale und Selbst-Disziplinierungen von Frauen durch Foucaults Brille: Frauen würden durch ständige Selbstüberwachung (Wiegen, Kalorienzählen, Spiegeln, Kontrollieren) in einer patriarchalen Gesellschaft zu ihrem eigenen Aufseher werden – also zu einer Art „Frau-als-Panoptikum“, in dem sie mit den Blicken anderer, meist männlicher Menschen (Partner, Chef, Schüler) auf sich selbst schaut und sich selbst kritisiert. Bordo wiederum stellt in ihrem Buch „Unbearable Weight“ 1993 fest, dass westliche patriarchale Schönheitsideale für Frauen so extrem und unerreichbar sind, das eigentlich nur ein Scheitern möglich ist, was zu einem Gefühl des inneren Versagens und unzureichenden Selbstwerts führe. Auch Essstörungen wie Anorexie und Bulimie seien demnach keine individuellen Pathologien, sondern „kristallisierte“ Ausdrücke dieser kulturellen Logik.
Auf dieser Grundlage untersucht Heyes, ob und wie sich diese Macht auch emanzipatorisch nutzen ließe. Heyes zieht aus ihrer Teilnahme an Seminaren bei den Weight Watchers und den Beobachtungen, mit denen sie das Wirken dieser Macht sichtbar machen wollte, in ihrem Aufsatz „Foucault Goes to Weight Watchers“ (2007) ein doppeltes Fazit: die Kurse vermittelten einerseits Selbstwirksamkeit und stärkende Fähigkeiten: Selbstbeobachtung, Zielsetzung, Gemeinschaft oder überhaupt eine Sprache für den eigenen Körper, die vorher fehlte. Diese Kompetenzzuwächse können sich auch außerhalb der Diät nützlich anfühlen. So konnte Heyes Teile der bei den Weight Watchers erworbenen Fähigkeiten für sich nutzen, um besser Vorauszuplanen – eine Fähigkeit, die sie auch in anderen Kontexten gebrauchen kann.
Allerdings würden genau diese Fähigkeiten von der Organisation genutzt, um das sehr häufige Scheitern des Abnehmens (so gut wie alle Teilnehmer*innen nehmen wieder zu) als individuelles Umsetzungsproblem zu rahmen: Noch bessere Selbstbeobachtung kann beim nächsten Mal zu noch genauerem Tracken von Kalorien und Kilos genutzt werden, noch größere Strukturiertheit zu noch besserem Festhalten an Weight Watchers-Konzepten. Weight Watchers würden systematisch an diese Skills appellieren, um die Teilnehmerinnen immer wieder als zahlende Kundinnen zurückzuholen – mit neuer Hoffnung, besseren Fähigkeiten aber im selben strukturellen Muster von Diät, Scheitern und Wiedereinstieg.
Eine feministische Praxis müsse die normierenden und ausbeuterischen Strukturen anerkennen ohne die positiven Erfahrungen zu leugnen, die auch außerhalb der kommerziellen Logik genutzt werden können, z. B. für gesundheitliche Selbstfürsorge ohne Gewichtsfixierung, für kollektive Unterstützungsstrukturen, für kritisches Bewusstsein über Normen und die so vielleicht sogar über die normierenden Ziele hinaus führen können.
Aber in den 1960er wurde nicht nur in Frankreich der Boden für ein neues Denken und Schauen geebnet. Auch über den großen Teichen entstanden neue Möglichkeiten auf mentale Gesundheit zu schauen. Neue Therapieformen wurden entwickelt und erprobt. I
n den USA waren das vor allem familientherapeutische Konzepte, die sich von der lange Zeit dominierenden individualistischen Psychoanalyse der therapeutischen Hilfe einer Gruppe zuwandt.
In Australien wurde Foucaults Kritik direkt genutzt, um Macht, denen nicht nur Körper, sondern auch Seelen ausgesetzt sind, in Therapie und Coaching erleb- und behandelbar zu machen – die Narrative Therapie.
Mehr dazu und zur Entwicklung der psychotherapeutischen Landschaft und die Hypnotherapie können Sie in meinem Artikel zur Geschichte der Psychotherapie im 20.Jahrhundert lesen. Dieser Text begann mit der Hoffnung, dass sich aus der Geschichte des Übergewichts etwas herausfinden lässt, was das an dem Thema Beschwerliche anders dastehen und anders fühlen lässt. Ich hoffe, es gelingt mir, diese Hoffnung zu erfüllen und die besonderen Methoden von Hypnose, narrativer Therapie und Hypnosystemik als genau dafür geeignet darzustellen.
Zusammenfassung: Die Geschichte des Abnehmens
Die Geschichte des Abnehmens zeigt, dass Vorstellungen von Körpergewicht, Gesundheit und einem guten Körper keineswegs zeitlos oder objektiv sind. Körper wurden und werden im Zusammenhang mit Fruchtbarkeit, Wohlstand, sozialem Rang und körperlicher Leistungsfähigkeit bewertet. Daher galten über viele Jahrtausende hinweg üppige Körperformen offenbar nicht als Problem. Und als sie begannen, es zu tun, bezogen sich medizinische Erklärungen zunächst auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte, auf bestimmte Nahrungsmittel oder auf eine ungünstige Lebensführung.
Mit der Entwicklung der modernen Medizin und der statistischen Vermessung des Körpers veränderte sich diese Sichtweise. Waagen, Körpermaße und Durchschnittswerte machten Gewicht zunehmend vergleichbar und scheinbar objektiv beurteilbar. Im 19. Jahrhundert wurde Übergewicht immer stärker als medizinischer Zustand und als Ausdruck eines individuellen Fehlverhaltens interpretiert. Zugleich wandelte sich das gesellschaftliche Körperideal: Ein schlanker Körper wurde mit Selbstdisziplin, Leistungsfähigkeit, Gesundheit und moralischer Tüchtigkeit verbunden.
Im 20. Jahrhundert verstärkten Tabellen, Idealgewichte und später der Body-Mass-Index diese Entwicklung. Der BMI ermöglichte eine einfache Einteilung in Kategorien wie „normal“, „übergewichtig“ und „adipös“, obwohl solche Grenzwerte nur statistische Orientierung bieten und die individuelle Gesundheit nicht vollständig abbilden können. Aus einer vielfältigen körperlichen Realität entstand so ein scheinbar eindeutiges Bewertungssystem, das Menschen dazu anhält, ihren Körper fortlaufend zu messen, zu kontrollieren und zu korrigieren.
Parallel dazu entwickelte sich eine kommerzielle Diätindustrie. Nahrungsergänzungsmittel, Schlankheitsmittel, spezielle Diäten und organisierte Abnehmprogramme versprachen, das Körpergewicht durch die richtige Methode beherrschbar zu machen. Die Verantwortung wurde dabei überwiegend dem einzelnen Menschen übertragen: Wer nicht abnahm, hatte demnach zu wenig Disziplin, Motivation oder Kontrolle. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und psychologische Bedingungen des Essens gerieten leicht aus dem Blick.
Weight Watchers steht beispielhaft für diese moderne Form der Gewichtskontrolle. Das Programm verbindet gemeinschaftliche Unterstützung mit einem System aus Punkten, Regeln, Selbstbeobachtung und regelmäßiger Bewertung. Macht wirkt dabei nicht nur durch Verbote von außen, sondern auch dadurch, dass Menschen gesellschaftliche Normen übernehmen und sich selbst überwachen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lernen, ihr Essen, ihr Gewicht und ihr Verhalten kontinuierlich zu dokumentieren und an einem vorgegebenen Ideal auszurichten.
Die Geschichte des Abnehmens ist daher zugleich eine Geschichte der zunehmenden Vermessung, Normierung und Selbstkontrolle des Körpers. Sie macht deutlich, dass die Frage, was als „zu viel“, „gesund“ oder „normal“ gilt, immer auch von historischen, kulturellen und wirtschaftlichen Vorstellungen geprägt ist. Ein zeitgemäßer Umgang mit dem Thema kann deshalb nicht nur nach Gewichtsreduktion fragen, sondern auch danach, wie Menschen ein selbstbestimmtes und entspanntes Verhältnis zu ihrem Körper, ihrem Essen und ihren eigenen Bedürfnissen entwickeln können.
Hypnose und Gewicht: ein gutes Verhältnis
Oben ging es um die Frage, ob das, was bei Hypnose passiert, echte Wirkung oder nur die Suggestion eines überzeugten und überzeugenden Therapeuten ist. Diesen Schatten der Skepsis trug die Hypnose auch mit, als sie sich im 20. Jahrhundert dem Thema Übergewicht zuwandte. Die Geschichte des Übergewichts, wie ich sie hier zu zeichnen versucht habe, suggeriert nun, dass sich die gleiche Frage auch hier stellen lässt: ist das Unwohlsein gegenüber Übergewichtigen oder der eigenen Dickheit echtes Gefühl oder nur Suggestion?
Hypnose und andere Methoden, die mit Ich-Anteilen arbeiten (z.B. Hypnosystemik oder Narrative Therapie) scheinen geeignet, mit dem problemtischen Erleben des eigenen Gewichts und Volumens zu arbeiten, wie suggeriert oder real auch immer es sein mag. Denn ganz egal, wie sehr die Betroffenheit von Mehrgewicht sozial, emotional oder diskursiv genährt ist, ist das Externalisieren dieser Betroffenheit sehr geeignet, diese Betroffenheit positiv zu beeinflussen.
Institutionell kam die Anerkennung der Hypnose spät und zögerlich: Erst 1955 erklärte die British Medical Association, erst 1958 die American Medical Association Hypnose offiziell zu einem legitimen medizinischen Verfahren. Milton Erickson, der bis heute prägendste Name der modernen Hypnotherapie, arbeitete in genau diesen Jahrzehnten klinisch unter anderem an hartnäckigen Gewohnheiten und Symptomen – ohne dass daraus zunächst kontrollierte Forschung zum Thema Gewicht im heutigen Sinn entstand.
Die erste dokumentierte Beschäftigung mit Hypnose speziell bei Übergewicht, die sich in der Fachliteratur findet, ist eine 1966 veröffentlichte Fallserie des Zahnarztes und Hypnoseforschers Ira M. Kamens – „Hypnosis as an adjunct in obesity“ – noch keine kontrollierte Studie, aber der erste schriftliche Handabdruck des Themas überhaupt.
In dieser Zeit begannen auch Milton Ericksons Hypnosen sich alltäglichen Verhaltensmustern zu widmen – Rauchen, Schlaf und eben auch Essgewohnheiten –, zunächst jedoch fast ausschließlich anhand einzelner Fallberichte, nicht kontrollierter Studien. Ab den 1970er-Jahren wurde „Hypnose zum Abnehmen“ zudem zu einem eigenen kleinen Verbrauchermarkt: Selbsthypnose-Kassetten fürs Wohnzimmer mit Abnehmversprechen verkauften sich in den USA gut – Teil einer breiteren Selbsthilfe-Konjunktur dieser Zeit – wissenschaftlich kaum begleitet, – lange bevor es dazu belastbare wissenschaftliche Untersuchungen gab. Fünfzehn Jahre nach Kamens‘ Fallserie kam schließlich, 1981, die erste kontrollierte Studie zum Thema.
Die Erforschung der Wirksamkeit: eine Geschichte mit Überraschungen
1981 veröffentlichten Wadden und Flaxman die erste kontrollierte Studie zu Hypnose bei Übergewicht – fünfzehn Jahre nach Kamens‘ erster Fallserie. Ein Jahr später fassten Wadden und Anderton die inzwischen vorliegende, noch kleine Literatur in einem vielzitierten Übersichtsartikel zusammen. Beide Arbeiten waren vorsichtig: Hypnose half, aber nicht spektakulär.
Das änderte sich 1995 schlagartig. Kirsch, Montgomery und Sapirstein veröffentlichten eine Meta-Analyse, die es in sich hatte: Wer zur Verhaltenstherapie noch Hypnose dazunahm, verlor angeblich fast doppelt so viel Gewicht wie ohne. Die Zahl machte die Runde – ein Ergebnis, das genau die Art von Durchbruch versprach, auf die eine noch junge Forschungsrichtung wartet.
Ein Jahr später kam die Ernüchterung. Allison und Faith prüften die Daten nach und fanden, dass eine methodisch schwache Studie (Bolocowsky et al.
1985) das Gesamtergebnis aller untersuchten Studien verzerrt hatte. Ohne diese schrumpfte der beeindruckende Effekt auf einen deutlich bescheideneren, wenn auch immer noch positiven Wert. Im Jahr 2018 bestätigte eine neue, methodisch strengere Meta-Analyse von Milling et al.
2018 einen großen Effekt wenn Hypnose zusätzlich zur Verhaltenstherapie angewendet wird. Eine Meta-Studie von 2021 bestätigte diese Ergebnisse. Genaue Effektstärken zu allen genannten Arbeiten finden Sie in der Tabelle unten.
Zur Einordnung: Kontrollierte Studien zu Hypnose bei Übergewicht reichen bis in die frühen 1980er-Jahre zurück (u. a. Wadden & Flaxman, 1981), ein viel zitierter Übersichtsartikel von Wadden und Anderton fasste diese Literatur bereits 1982 zusammen. Die erste Meta-Analyse folgte 1995 (Kirsch, Montgomery & Sapirstein). Das Thema wird seit über vier Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht – die acht Studien unten sind eine Auswahl aktuellerer, besonders aussagekräftiger Arbeiten.
Resümee: Wo steht Hypnose beim Abnehmen heute?
Fasst man die Studienlage von 1981 bis heute zusammen, zeigt sich: Am robustesten belegt sind Verbesserungen beim Essverhalten, beim Sättigungsempfinden und bei der Lebensqualität – hier finden fast alle Arbeiten positive Effekte, unabhängig davon, wie umstritten einzelne Meta-Analysen zum reinen Gewichtsverlust ausgefallen sind. Beim direkten Gewichtsverlust selbst bleibt die Datenlage uneinheitlicher, wie die Kirsch-Kontroverse zeigt: Manche Studien und Meta-Analysen finden große Effekte, andere, methodisch strengere, deutlich kleinere oder gar keine. Durchgängig interessant ist dabei, dass unabhängig von den Ergebnissen regelmäßig praktizierte Selbsthypnose einen nachweisbaren, eigenständigen Effekt auf Gewicht und Kalorienzufuhr zu haben scheint (Bo et al. 2018).
Eingeordnet in die Landschaft anderer Adipositas-Behandlungen: Aktuelle medizinische Leitlinien sehen eine Basistherapie aus Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Verhaltensänderung als ersten Behandlungsschritt vor. Und genau in diesem Feld (Essverhalten, Motivation, Rückfallprävention) kann Hypnotherapie eine sinnvolle, wissenschaftlich untersuchte Ergänzung sein.
Der hypnosystemische Blick aufs Abnehmen
Die bisher beschriebenen und unten aufgeführten Studien untersuchen überwiegend eine eher klassische, direktive Hypnose: Suggestionen wie „Sie werden weniger Hunger verspüren“ oder Bilder eines „virtuellen Magenbands“. Als hypnosystemisch arbeitender Therapeut setze ich zusätzlich auf einen Ansatz, der in den 1990er-Jahren vor allem von Dr. Gunther Schmidt (Milton-Erickson-Institut Heidelberg) entwickelt wurde: die hypnosystemische Therapie und Beratung. Sie verbindet die auf inneres Erleben fokussierte Hypnotherapie nach Milton Erickson mit dem systemischen Blick auf Beziehungsmuster, Kontext und die eigene Lebensgeschichte.
Für das Thema Abnehmen bedeutet das: Statt „Wie bekomme ich das Symptom weg?“ fragt der hypnosystemische Ansatz eher: „Wofür könnte das jetzige Essverhalten – bei aller Belastung, die es auch mit sich bringt – bislang gut gewesen sein? Und was würde fehlen, wenn es das nicht mehr gäbe?“ Diese Perspektive hat einen ernstzunehmenden fachlichen Resonanzboden: Eine vielzitierte Übersichtsarbeit im International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis (Entwistle et al., 2014) argumentiert, dass gerade hartnäckiges, „therapieresistentes“ Übergewicht häufig mit unbewussten, oft ursprünglich schützenden Funktionen verknüpft ist – Essen als Weg der Selbstberuhigung, als emotionaler Puffer, oder als unbewusste Fortsetzung familiärer Muster rund um Essen, Fürsorge und Körperbild. Mit dem hypnosystemischen „Modell innerer Anteile“ lassen sich solche gegenläufigen inneren Motive – der Teil, der abnehmen will, und der Teil, der das jetzige Verhalten aus guten Gründen beibehält – in Trance konkret ansprechen, würdigen und miteinander ins Gespräch bringen, statt sie zu bekämpfen.
Die Geschichte der Gesundheit und des Übergewichts ist auch die Geschichte politischer Institutionen, die das Verhältnis von Staat und Bürger*innen mittels Metaphern gestalten. Foucault meint, dass moderne Macht am wirksamsten ist, wenn Menschen die Norm so verinnerlichen, dass niemand mehr von außen kontrollieren muss. Ich versteige mich vielleicht ein wenig, wenn ich sage, dass wir dadurch alle schon ein bisschen hypnotisiert sind – ganz gewiss aber haben diese Metaphern Einfluss auf unser Erleben und Empfinden.
Dabei geht es um mehr als Fremdkontrolle. Cressida Heyes hat gezeigt (Heyes, 2007), wie ausgerechnet die Sprache der Selbstsorge – Selbsterkenntnis, Selbsttransformation, „ich habe mich neu entdeckt“ – zum wirksamsten Vehikel der Norm werden kann: Wer bei Weight Watchers abnimmt, erzählt seine Geschichte oft fast wortgleich mit jemandem, der in einer Therapie tatsächlich zu sich selbst findet. Das macht es mir als Hypnotherapeut nicht leichter, sondern schwerer. Denn genau diese Worte – Selbsterkenntnis, sich selbst wiederfinden – verwende ich auch. Die Frage, ob Selbsterkenntnis wirklich befreit oder nur elegant an eine fremde Norm anpasst, kann ich also nicht nur an Weight Watchers stellen. Ich muss sie an meine eigene Arbeit stellen.
Einen Prüfstein dafür hat weiter oben schon Canguilhem geliefert: Setzt ein Mensch seine eigene, lebendige Norm – oder wird ihm eine längst feststehende, fremde Norm nur in der Sprache der Selbstfindung zurückverkauft? Der hypnosystemische Blick auf innere Anteile versucht zu erkunden, welche Teile das zu vermeiden: kein einzelnes, von außen vorgegebenes Ziel wie eine Zahl auf der Waage, dem sich alles unterordnet, sondern ein offener Prozess, in dem auch der Teil zu Wort kommt, der das jetzige Verhalten aus guten Gründen beibehält.
Was bleibt, sind Fragen, keine Antworten: Was wäre, wenn Santorio nicht auf die Idee mit der Waage gekommen wäre? Wer bin ich, wenn ich dick bin? Wer wäre ich, wenn ich dünn wäre? Und, mit Heyes gefragt: Wessen Ziel verfolge ich gerade – meins, oder eines, von dem mit allen Mitteln der Werbung erzählt wird, es sei meins? Und wie geht es mir damit?
Anhang: Hypnose-Studien zum Thema Abnehmen
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Studie |
Design & Stichprobe
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Ergebnisse
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Einordnung |
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Kleine Stichprobe |
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RCT, 3 Gruppen, n=60 |
Kleine Stichprobe |
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RCT, n=120 (60 Hypnose+Selbsthypnose; 60 Kontrollgruppe) |
Hohe Studienqualität |
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24 Wochen dauernde Pilot-RCT, n=30 |
Pilotstudie |
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Meta-Analyse, 14 Studien |
Metastudie |
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Vorher-Nachher-Studie, n=32, ohne Kontrollgruppe |
Ohne Kontrollgruppe |
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Quasi-Experimentell |
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Meta-Analyse von 48 Post- (N = 1.928) und 25 Follow-up-Untersuchungen (N = 1.165) |
Meta-Analyse |
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RCT n = 80 (41 in Hypnose-Gruppe mit acht Sitzungen Hypnose mit Selbsthypnose-Training; 39 in Kontrollgruppe) mit acht Monaten Follow-up |
Hohe Studienqualität |
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Hohe Studienqualität |
Erklärungen: n – Anzahl der Versuchspersonen | HT – Hypnosetherapie | KVT – Kognitive Verhaltensterapie | RCT – Randomized Controlled Trial (randomisierte Kontrollstudie) experimentelles Studiendesign, Goldstandard der empirischen Forschung | monozentrisch – findet vollständig an einem einzigen Studienzentrum statt | rater-blind – Person, die Testergebnisse oder Antworten bewertet, weiß nicht, zu welcher Gruppe (Testgruppe oder Kontrollgruppe) die Versuchsperson gehört | Meta-Analyse – Untersuchung mehrerer Studien zum selben Thema | zweiarmig – Teilnehmer in zwei Gruppen (Arme) unterteilt: Experimentalgruppe erhält die neue Behandlung, während die Kontrollgruppe eine Standardbehandlung oder Placebo erhält | Bias – die Ergebnisse von Studien können durch Voreingenommenheit der Forschenden, Ausstattung der Studienorte, Normen innerhalb von Wissenschaftler*innen-Gruppen etc. beeinflusst werden, z.B. wenn eine überzeugte Studienleiterin eine mehrdeutige Selbstauskunft wie „ich hab kaum noch geraucht“ bei der Hypnose-Gruppe eher als „abstinent“ wertet als bei der Kontrollgruppe. | Fallserie – Sammlung von Berichten über mehrere Patienten mit ähnlichem Problem, die dieselbe Behandlung bekommen haben, ohne Vergleichsgruppe oder Zufallszuteilung.

