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Der Wunsch, mit Hypnose abzunehmen, ist einer der häufigsten, mit dem sich Menschen an mich wenden. Wer sein Gewicht verändern möchte, trifft die Entscheidung oft für sich und doch nie auf neutralem Boden. Denn wir alle stehen auf jahrtausendealten Ideenschichten, in denen Material und Normen über gut und schlecht, gesund und ungesund, natürlich und künstlich, normal und unnormal vergraben liegen.

Eine dieser Ideen – Hypnose zum Abnehmen – wird heute oft als „Quick Fix“ angeboten: schnell, wundervoll, magisch, fast wie im Traum lassen sich damit Kilos reduzieren. Tatsächlich reiht sich Abnehm-Hypnose in eine sehr lange Geschichte von Körper-Ideen und -Eingriffen ein: von antiken Models, einem frühneuzeitlichen Lifelogger über neuzeitliche Versicherungstabellen und BMIs bis hin zu Injektionen, Tabletten und Abnehm-Apps.
Die Ideengeschichte des Abnehmens kann Vieles zeigen: dass die Normen und Ideale, an denen wir unsere Körper messen, Ergebnis jahrtausende alter politischer Ideen, Interessen und Institutionen sind, dass jede Methode – auch Hypnose – innerhalb dieser Geschichte steht und sich fragen lassen kann, welcher Idee vom „richtigen“ Körper und Leben sie eigentlich aus welchen Gründen dient. Und (last not least), dass Hypnose geeignet sein kann, diese Normen zu erkennen um eigene Vorstellungen und Ideen eines würdevollen und selbstbestimmten Lebens im eigenen Körper umzusetzen.

Bevor ich auf einzelne Studien zur Wirksamkeit von Hypnose bei Übergewicht eingehe, möchte ich deshalb einen etwas umfangreicheren Blick auf die Geschichte dessen versuchen, was als Übergewicht bezeichnet wird: von einer 30.000 Jahre alten Steinzeit-Statue über einen Arzt, der sich selbst 30 Jahre lang wog, bis zu Foucault bei den Weight Watchers.

Vielleicht fällt manchen von uns beim Thema Übergewicht die steinzeitliche Mini-Statue einer voluminösen Frau ein – die über 30.000 Jahre alte Figurine der Frau von Willendorf. Diese und zahlreiche ähnliche Figuren aus der Jungsteinzeit, gelten als früheste Darstellungen menschlicher Körper. Eindeutig ist die Fülle des Leibs mit breiten Hüften, markanten Brüsten, halb vorstehendem, halb hängendem Bauch und ausgeprägtem Po. Diese Darstellungen sind während des Höhepunkts der letzten Eiszeit entstanden. Sie stammen von Fundstätten, die näher an den Gletscherfronten lagen, welche damals quer durch Europa verliefen. Vermutlich waren diese Statuen in den strengen klimatischen Bedingungen der Jungsteinzeit eine Hilfe, eine Art Überlebenssymbol, um Fruchtbarkeit und Überleben von Müttern und Neugeborenen zu sichern. (Johnson et al. 2020)

Das Image der runden Körperform änderte sich allerdings spätestens in der Antike grundlegend. „Schuld daran“ sind nicht zuletzt die Pythagoräer*innen: ein um 530 v.Chr. in Süditalien von Pythagoras gegründeter Kult, der an Seelenwanderung und die Allmacht der Zahlen glaubte und den Staat perfektionieren wollte. Pythagoras und seine Anhänger*innen wollten Mißstände in den politischen Verhältnissen durch das Prinzip der kosmischen Harmonie beheben. Der Kosmos war damals ein großes Thema: von den Babylonier*innen kamen neue Geräte und Verfahren zur Erkundung der Sterne nach Europa und mit deren Hilfe hatte Pythagoras entdeckt, dass der Kosmos in perfekter Balance und Harmonie war. Jedenfalls erschien es ihm so. Die Erde und eine hypothetische Gegenerde sowie andere Planeten kreisten in still klingender Harmonie um ein großes Zentralfeuer. Und wäre es nicht toll, den Staat genau so perfekt zu organisieren, wie es der Kosmos war? Das Verhältnis zwischen Herrscher und Beherrschten sollte den Abständen der Planeten entsprechen, die Regierungsform sollte sich an „kosmischen Gesetzen“ orientieren und alle Lieder sollten auf Basis des Klangs der Sterne komponiert werden. (Aber bitte nicht in mixolydisch, dass kann das Volk verweichlichen.)


„Die Zahl ist die Herrscherin über Formen und Ideen und der Ursprung der Götter und Dämonen. Im Summen der Saiten liegt Geometrie, im Abstand der Sphären liegt Musik.

Pythagoras von Samos – 570 – 486 v.u.Z.

Diese Idee und der Kampf der Pythagoräer*innen für die totale Harmonisierung des Staates führte jedoch schon bald zu unharmonischen Auseinandersetzungen mit Anhänger*innen anderer Ideen und zu Vertreibung und Aussterben der Pythagoreer*innen.

Foto der Venus von Willendorf
Foto der Frau von Willendorf – ca. 30.000 v. Chr

Was hat das mit Übergewicht zu tun? Die Pythagoräer*innen wurden zwar ermordet und vertrieben, aber die Idee, dass sich Harmonie im Staate durch kosmische Balance von Gegensätzen erreichen ließe, blieb lebendig und wurde weiter getragen. Und während diese Balance zunächst nur ein politisches Prinzip der Beziehungen zwischen Obrigkeit und Bürgern sein sollte, machte Alkmaion von Kroton, ein Arzt und Pythagoras-Fan um 470 v. Chr. die entscheidende Übertragung dieses Prinzips aus der Politik in die Medizin.


Das Gleichgewicht (Isonomie) der Kräfte (feucht, trocken, kalt, heiß, bitter, süß usw.) erhält die Gesundheit, während eine Monarchie unter ihnen Krankheiten hervorruft.

Alkmaion von Kroton 5. Jh v..u.Z.

Alkmaion bezeichnete Gesundheit also als isonomía – ein Gleichgewicht bzw. eine Ausgewogenheit der gegensätzlichen Kräfte im Körper (Feucht – Trocken, Kalt – Warm, Bitter – Süß); Krankheit dagegen als monarchía, die Dominanz eines der beiden Gegensatzpole. Das Bemerkenswerte daran: monarchía [Vorherrschaft] und isonomía [Ausgeglichenheit] waren ursprünglich politische Begriffe – sie bezeichneten die Alleinherrschaft eines von zwei Gegenpolen bzw. die für Ausgleich sorgende Gleichberechtigung und Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz.

So wandte er die pythagoreische Idee vom harmonisch ausbalancierten Kosmos – ein politisches Ordnungsideal (Gleichheit im Staat statt Übergewicht einer Partei) – auf den Körper an: auch hier könne durch die Balance von Gegensätzen eine Harmonie erreicht werden. Möglicherweise war er damit der Erste, der Ideen aus dem Bereich der Politik in den Bereich der Körper überträgt (Stanford Encyclopedia pf Philosophy).

Doryphoros - Replika der Statue
Doryphoros – Replika der Statue – ca. 450 v. Chr.

Somit basierten die damaligen Körper- und Gesundheitsideale nicht auf neutralen Beobachtungen, sondern auf Analogien aus der Politik – Gesundheit wurde als eine Art innerer Demokratie der Körperkräfte gedacht und Krankheit als Tyrannei eines Übermaßes. Dieser „Crash“ von Körper- und Politik-Ideen – eine Denktechnik, die als „Körper-Staat-Metaphorik“ bezeichnet wird – wird sich durch die weitere Geschichte des Abnehmens ziehen.

Etwa zur gleichen Zeit (450 v.u.Z.) schuf Polyklet – ein Bildhauer, der ebenfalls im antiken Griechenland lebte – eine Art von Lehrbuch für andere Bildhauer mit Richtlinien zur Darstellung menschlicher Körper. Dieses Lehrbuch wurde Kanon genannt und die darin gegebenen Anweisungen waren an den Zahlen-Ideen und Gesetzmäßigkeiten ausgerichtet, die Pythagoras ca. 100 Jahre vorher als „kosmische Ordnung“ bezeichnet hatte. Aufbauend auf diesen Ideen beschrieb Polyklet hier die idealen Maßverhältnisse des menschlichen Körpers. Praktisch: Leuten, die nicht soviel lesen wollten, hat Polyklet gleich eine Beispiel-Statue mitgeliefert, die die Ideen und Maße verkörperten: den Speerträger Doryphorus. Diese Statue wurde zum Modell, zum Muster, und es sollte zum Vorbild aller weiteren Statuen des Menschen werden.

Und es sind ausgerechnet die Aufzeichnungen eines Heilkundlers – des berühmten griechischen Arztes Galen – die bis heute als die einzigen Überlieferungen der geometrischen Abhandlung des Polyklet gelten:


dass die Schönheit nicht in der Symmetria der Elemente, sondern in der der Teile liege, in der Symmetria eines Fingers zum anderen und aller Finger zur Handfläche und zum Handgelenk und dieser zur Elle und der Elle zum Oberarm und aller zu allem, wie im Kanon Polyklets geschrieben steht. Denn alle Symmetrien des Körpers hat uns Polyklet in seiner Schrift gelehrt; in seinem Werk hat er diese Lehre bekräftigt, indem er ein Standbild schuf gemäß den Vorschriften in seiner Abhandlung und das Standbild selbst dann »Kanon« nannte wie auch seine Schrift.“

Galen 130-217 u.Z.: De Placitis Hippocratis et Platonis 5, 449

Es ist kein Zufall, dass Gleichgewicht, Symmetrie und Harmonie zu dieser Zeit sowohl in der Darstellung von Körpern als auch in der Medizin eine so große Rolle zu spielen begannen. Denn das Denken beider – Arzt Alkmaion und Bildhauer Polyktet – hatte pythagoreische Wurzeln: So wie Alkmaion und ihm folgend die hippokratische Schule Gesundheit als Gleichgewicht der körperlichen Kräfte definierte, sollte auch Polyklets perfekte menschliche Skulptur ein Gleichgewicht von Ruhe und Bewegung, Spannung und Entspannung verkörpern. Medizin und Bildhauerkunst greifen hier auf das selbe philosophische Grundprinzip zurück – beide sind Töchter derselben pythagoreischen Idee, nach der alles Zahl ist.

Mit der Frau von Willendorf hatten die nach Polyklets Richtlinien entstandenen Statuen nun kaum noch etwas gemein – ihr Gleichgewicht aus Stand- und Spielbein war das genaue Gegenteil von deren Fülle.

Kopie der Statue einer verwundeten Amazone von Polyklet - CC BY  	Richard Mortel
Kopie der Statue einer verwundeten Amazone von Polyklet – ca. 440 v. Chr – CC BY Richard Mortel –

Von Balance und Monarchie zu Schleim, Blut und Galle

Der Arzt und Philosoph Hippokrates (460–377 v. Chr.) erweiterte Alkmaions Modell der zwei Gegenpole, die für ein gutes Leben gut balanciert sein müssen, auf vier Antagonisten. Die Körperfunktionen wurden jetzt mit vier Körpersäften erklärt, die miteinander im richtigen Verhältnis stehen müssen: Blut, Schleim, gelbe Galle, schwarze Galle. Diese konnten jeweils in den Versionen feucht vs. trocken und warm vs. kalt auftreten. Eine falsche Kombination dieser Punkte sorgte für Krankheit. Vor allem die Verbindung Schleim-kalt-feucht war für Korpulenz verantwortlich – überschüssiges, träges, kaltes, feuchtes Material lagerte sich im Körper ab, statt „verarbeitet“ zu werden. Um Abzunehmen war es, laut dieser Theorie, nötig, Ernährung, Bewegung und Schlaf so anzupassen, dass der Körper trocknet und warm wird. Dafür wurden Spazierengehen, Laufen, Ringen und andere Übungen empfohlen, zusammen mit Bädern, Massagen, Ruhe und einer „angemessenen“ Lebensweise. (Christopoulou-Aletra, 2007)

Galen: Eine ausgearbeitete Theorie zum Übergewicht

Der griechische Arzt und Hippokrates-Schüler Galen (129–ca. 216 n. Chr.) entwickelte aus Hippokrates‘ Ideen zum Körpergewicht 600 Jahre später ein neues System. Das beinhaltet nicht nur „gesund vs. korpulent“, sondern ein Dreierschema: Leptotes (krankhafte Magerkeit), Euexia (die gesunde, moderate Mitte guter Körperbeschaffenheit) und Polysarkia (krankhaftes Übermaß an Fleisch/Fett). Galen zählte übrigens auch übertriebene Athletenkörper eher zur pathologischen Seite als zum Ideal – Euexia ist ein Mittelmaß, kein Maximum. Das ähnelt der Isonomia-Logik, die Alkmaion vertrat, nur jetzt mit einem (guten) Mittelpunkt und zwei (schlechten) Außenpunkten, statt zweipolig gedacht.

Galen nahm an, dass zu viel Nahrung zu einem Überschuss an Blut im Körper führte. Die Therapie folgte bei Galen dem Rahmen der „sex res non naturales“ (sechs nicht-natürlichen Dinge. Für für Polysarkia hieß das konkret: reduzierte Nahrungsmenge, wärmende/trocknende Speisen wie Radieschen, Essig und Pfeffer statt kühlender/feuchter sowie Bewegung (damit Nahrung tatsächlich zu Muskelgewebe statt zu Fett „verkocht“ wird), Reibungen/Massage (Anatripsis) und gegebenenfalls Abführmittel zur direkten Ausleitung.

Der selben Logik, werden Therapien des Übergewichts noch in der frühen Neuzeit folgen – heiße, scharf gewürzte, saure Speisen, die das Blut „wärmer und schärfer“ machen sollten: Noch die Ärzt*innen des 16./17. Jahrhunderts werden also Hippokrats und Galens antike Diätvorschrift anwenden.

Frühe Neuzeit: Die Medizin entdeckt die Waage (1614)

Was Alkmaion begründet und Hiipokrates und Galen verfeinert haben – die Lehre von der Balance der zwei bzw. vier Gegenspieler – bleibt in der Medizin Europas, jahrhundertelang, fast unangefochten das Grundmodell. Wie das am Krankenbett aussah, hat der Würzburger Medizinhistoriker Michael Stolberg in einem seiner Forschungsschwerpunkte „Die lange Geschichte der Fettsucht“ rekonstruiert – unter anderem, indem er sich durch zehntausende Arztbriefe des 16. bis 18. Jahrhunderts gearbeitet hat. (Stolberg, 2012)

So hat z.B. der Arzt Timaeus von Güldenklee in seinen Casus Medicinales einen 37-Jährigen dokumentiert, der ohne fremde Hilfe nicht mehr auf sein Pferd steigen und einen Buchhändler der keine Treppen mehr steigen konnte und unter ständiger Atemnot litt. Nicolaas Tulp (1593–1674) – Arzt und, nebenbei bemerkt, gleichzeitig Bürgermeister von Amsterdam, jener Tulp, den Rembrandt in seiner berühmten Anatomiestunde porträtiert hat – behandelte angeblich eine Fünfjährige mit 150 Pfund Körpergewicht.

Dann im Jahr 1614 geschah etwas, dass die Geschichte des Übergewichts für immer und fundamental ändern sollte. Der Paduaner Arzt Santorio Santorio (1561–1636), Professor für theoretische Medizin an der Universität Padua und enger Freund Galileo Galileis, nutzt ein bis dato für den Handel erfundenes Messinstrument für medizinische Zwecke. Er nutzt eine Waage, genauer: eine Sitz-Waage, um über 30 Jahre hinweg sich selbst, sein Essen, sein Trinken und seine Ausscheidungen zu wiegen. (Hollerbach 2018) Und es heißt er hätte auch ein Waage-Bett gebaut und benutzt um zu messen, wie sich sein Gewicht durch Schlaf oder Sex verändert.
Padua war um 1600 der wohl wichtigste Ort Europas für empirische, instrumentengestützte Naturforschung – die Universität stand unter venezianischer, nicht päpstlicher Kontrolle. Das heißt, die relative Unabhängigkeit Paduas von Rom schuf das Zeitfenster, in dem eine derart empirische, autoritätsferne Forschung überhaupt gedeihen konnte. Und in dem Santorio der erste Self-Tracker der Welt wurde.


Wenn jemand feststellt, dass sein Gewicht an einem Tag durch unmerkliche Ausdünstung [perspiratio insensibilis] um fünf Pfund oder mehr abgenommen hat, so ist er gesund.“ – Santorio Santorio

Was Santorio mit seiner Waage herausfand, nannte er perspiratio insensibilis: Ein Großteil dessen, was ein Mensch isst und trinkt, entweicht unmerklich über Haut und Atem, ohne durch sichtbare Ausscheidung erklärbar zu sein – etwa 1.2 Kg pro Tag.

Santorio begründete damit ein Verfahren, das bis heute gültig ist: durch Messen lassen sich Zusammenhänge sowohl im individuellen Körper als auch im Gesellschaftskörper vorstellbar machen, verhandeln und kontrollieren, die bis dahin nur durch die Sinne (Fühlen, Riechen…) oder spekulative Annahmen verstehbar waren. Santorios Waage diente einer Form instrumenteller Selbstbeobachtung, in der durch eigene Erfahrung neues und abstrakteres Wissen über den Körper gewonnen werden konnte. Im 20. Jahrhundert wird diese historische Messpraxis schließlich verwandelt in eine individuelle Verpflichtung zur Selbstkontrolle, Selbstoptimierung und Anpassung an normative Körperbilder.

Holzschnitt von Santoris Stoffwechsel-Waage - Santorio sitzt auf der Waage, die er gebaut hatte, um seine Netto-Gewichtsveränderung im Zeitverlauf nach der Aufnahme und Ausscheidung von Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten zu berechnen.
Holzschnitt von Santoris Stoffwechsel-Waage – Santorio sitzt auf der Waage, die er gebaut hatte, um seine Gewichtsveränderung im Zeitverlauf nach der Aufnahme und Ausscheidung von Nahrungsmitteln und Flüssigkeiten zu berechnen.

Der Gag: ca. 2000 Jahre vor Santorio hatte Pythagoras im alten Griechenland die Idee, die Zahlenverhältnisse des Kosmos auf den Körper anzuwenden, und damit die damalige Medizin zur Balanceidee inspiriert. Santorio wendet nun die in der Physik/Astronomie entwickelte Haltung, dass Naturvorgänge in Zahlenverhältnissen fassbar sein müssen, wieder systematisch auf den Körper an. Vorher gab es keine Vorstellung davon, dass man einen Menschen über Wochen wiegen könnte, um daraus etwas Verlässliches über seinen Stoffwechsel zu lernen – diese Idee kam aus der Physik, nicht aus der Medizin selbst.

19. Jahrhundert: Schottische Soldaten, BMI, Versicherungen

In den 1830er Jahren entwickelte der belgische Astronom und Statistiker Adolphe Quetelet eine Idee, die binnen weniger Jahrzehnte das mächtigste Werkzeug im Bereich Gewichtsregulation werden sollte – den Body-Mass-Index. Quetelets damals noch Quetelet-Index genannter Wert beruht auf dem Brustumfang von 5.738 schottischen Soldaten. Es gab keine einzige Frau in der gesamten Stichprobe. Und aus genau dieser Zahlenreihe – ausschließlich junge, wehrfähige Männer eines einzigen Landes – destilliert Quetelet seinen berühmten l’homme moyen, wörtlich: der durchschnittliche Mann. Dieser Wert war bei Quetelet ein rein sozial-statistisches Werkzeug zur Bevölkerungsbeschreibung.

Aus einem explizit männlichen, militärischen Datensatz wird also ein Begriff, der sich als allgemeingültiger, geschlechtsneutraler Maßstab für alle Menschen schlechthin präsentiert – und der über den Umweg des Body-Mass-Index bis heute für alle Körper gleichermaßen herangezogen wird. Die Harmonie der menschlichen Proportionen, die sich aus dem Abstand der Planeten zueinander festlegen lassen, wird ersetzt durch den Körper des Soldaten James Ryan. Statt kosmischer Schönheit wird nun dieser zum Normalfall erklärt, an dem alle anderen Körper gemessen werden.

Und während Alkmaions isonomia auf der Idee der Balance basiert – Gesundheit als Gleichgewicht gleichberechtigter Kräfte, keine hierarchisiert über die andere, kippt die moderne statistische Norm langsam in eine hierarchisierende, eugenische Logik: Francis Galton, von Quetelet inspiriert, nutzte den Durchschnitt nicht nur nicht zur Gleichheitsbehauptung, sondern zur Rangordnung von „überlegenen“ und „minderwertigen“ Populationen. Aus einer ursprünglich egalitären Denkfigur wird also – unter kapitalistisch-industriellen Vorzeichen – eine Hierarchisierungstechnik.

Die systematische medizinische Auseinandersetzung mit Übergewicht nahm im Zuge der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts Fahrt auf – und einen erstaunlichen Anteil daran hatte ein Bestattungsunternehmer: William Banting, ein wohlhabender Londoner, der selbst so an Übergewicht litt, dass er sich nicht mehr die Schuhe zubinden konnte. 1863 veröffentlichte er seinen „Letter on Corpulence“ – eine frühe Anleitung zu kohlenhydrat-armer Ernährung und zugleich das erste breitenwirksame Diätbuch der Geschichte. Sein Name ging so sehr in den Sprachgebrauch ein, dass „to bant“ im Englischen – und „bantning“ im Schwedischen – bis heute umgangssprachlich für „eine Diät machen“ steht.

Und auch Deutschland machte entscheidende Schritte im Bereich der Medizin: 1858 veröffentlichte der Pathologe Rudolf Virchow seine Cellularpathologie und beendete damit, was seit Alkmaion und Galen die Grundlage der Medizin gewesen war. Seine Kernthese: Nicht ein Ungleichgewicht der Säfte im Körper macht krank, sondern eine Störung auf der Ebene einzelner Zellen. Der entscheidende Unterschied zu Alkmaions Modell war dabei weniger die Theorie als die Beweisbarkeit: Ein Säfteungleichgewicht ließ sich nie zeigen, nur vermuten und darüber streiten – eine entzündete oder mutierte Zelle dagegen konnte man mit den damals verbesserten Mikroskopen tatsächlich sehen.

Und hier schließt sich der Kreis zu Alkmaion: Auch Virchow beschrieb den Körper mit einem politischen Bild – als „soziale Anordnung“ wechselseitig abhängiger, aber je eigenständiger Zell-„Bürger“. Kein Zufall: Virchow war selbst ein aktiver liberaler Politiker, 1848er-Revolutionär und später Reichstagsabgeordneter gegen Bismarck. Wo Alkmaion 2300 Jahre zuvor Gesundheit als isonomia – Gleichgewicht zweier Pole – gedacht hatte, dachte Virchow sie als liberale Föderation vieler autonomer Einheiten. Das Muster „Körper wird mit Politikvokabular beschrieben“ reißt also nicht ab, nur der politische Gehalt wechselt von der Balance zweier Pole zur Vielheit.

Ab 1912 dann begannen amerikanische Lebensversicherungen, Körpergewicht systematisch als Risikofaktor in Tabellenform zu erfassen – der Körper wurde damit erstmals zum ökonomisch kalkulierten Objekt.

Der französische Philosoph Michel Foucault hat für genau diesen Umschlagpunkt – von der reinen Zählung zur Hierarchisierung von Bevölkerungen – den Begriff der Biomacht geprägt: Ab dem 18./19. Jahrhundert verlagert sich Macht zunehmend von der klassischen Drohung mit dem Tod hin zur Verwaltung, Optimierung und Regulierung des Lebens selbst – Geburtenraten, Gesundheit, Fortpflanzung ganzer Bevölkerungen, nicht mehr nur einzelner Untertanen. Und hier schließt sich auch der oben offen gelassene Faden zum „Volkskörper der Nazis“: Foucault selbst zeigt, wie sich aus genau dieser Bevölkerungsverwaltung im 19./20. Jahrhundert ein biologisch begründeter Staatsrassismus entwickelte, der im Nationalsozialismus seinen mörderischen Höhepunkt fand – Rassismus als der Mechanismus, der es einer eigentlich lebensverwaltenden Macht erlaubt, dennoch zu töten: Wer als „unwert“ definiert wurde, fiel aus dem Schutz der Bevölkerungsfürsorge heraus.

Auf Bantings eher besonnenen Ansatz folgte im 20. Jahrhundert etwas, das sich fast wie eine eigene, sich wiederholende Gattung liest – die Geschichte der Abnehmmedikamente ist im Kern seit fast hundert Jahren derselbe Zyklus, der sich alle fünfzehn bis zwanzig Jahre neu abspielt: Hoffnung, Massenverschreibung, Jahre später ein entdeckter Schaden, Rückzug vom Markt, nächste Hoffnung.
Kapitel eins, 1933: Ein Stanford-Forscher bemerkte, dass die Industriechemikalie DNP (2,4-Dinitrophenol) – eigentlich für Sprengstoff und Fotoentwickler gedacht – als Nebenwirkung radikalen Gewichtsverlust auslöste. Der Grund war so einfach wie gefährlich: DNP entkoppelt die Energiegewinnung der Zellen, der Körper verbrennt sich buchstäblich von innen. Es kam zu Todesfällen durch Überhitzung, die US-Arzneimittelbehörde verbot den Stoff 1938 – er zirkuliert bis heute illegal im Internet als „Fatburner“.
Kapitel zwei: Amphetamine – Benzedrin, Dexedrin – wurden ab den 1930ern massenhaft verschrieben, in den 1950er- und 60er-Jahren oft als bunte Kombinationspräparate mit Schilddrüsenhormon, Diuretika und mitunter Digitalis, im Volksmund „Rainbow Pills“ genannt. Auch hier: mehrere Todesfälle, ab den 1960ern zunehmend reguliert.

Und auch an diesem Übergang – von Quetelets Statistik zur medizinischen Norm – hat der französische Wissenschaftshistoriker und Philosoph Georges Canguilhem später scharfe Kritik angesetzt. In seinem Standardwerk Das Normale und das Pathologische (1943/1966) argumentiert er, dass ein statistischer Durchschnittswert – wie heute der BMI – eigentlich nur eine Beschreibung ist, keine Vorschrift. Wird er trotzdem zur Norm erklärt, an der reale, individuelle Körper gemessen werden, entsteht eine unangemessene Pathologisierung von Abweichung, die dem Einzelfall nicht gerecht wird. Canguilhems Gegenkonzept: Ein Organismus setzt seine eigenen, lebendigen Gesundheitsnormen selbst – Gesundheit ist für ihn nicht Anpassung an einen fremden Durchschnitt, sondern die Fähigkeit, eigene Normen zu leben und bei Bedarf neue zu entwickeln. Dieser Gedanke wird uns im letzten Abschnitt zur hypnosystemischen Praxis wieder begegnen.

Man könnte Quetelets l’homme moyen für einen historischen Betriebsunfall halten, den man später korrigiert hat. Hat man aber nicht. Als der Physiologe Ancel Keys 1972 den Begriff „Body-Mass-Index“ prägte und dem alten Quetelet-Index damit zu seiner heutigen, weltweiten Karriere verhalf, untersuchte auch er nur 7.426 Männer, verteilt auf zwölf Kohorten von finnischen Waldarbeitern bis zu amerikanischen Bahnangestellten – wieder keine einzige Frau. Zwei Gründungsmomente, 128 Jahre auseinander, zwei völlig unterschiedliche Wissenschaftler mit völlig unterschiedlichen Fragestellungen, derselbe blinde Fleck. Bemerkenswert ist dabei, wie wenig Anlass zur Rechtfertigung offenbar je bestand: In keiner der beiden Studien findet sich eine Spur einer Überlegung, warum Frauen fehlen – ihre Abwesenheit wird nicht einmal begründet, sie kommt schlicht nicht vor.

Nichts desto trotz wird Übergewicht heute in der Medizin über den Body-Mass-Index (BMI) definiert: Ab einem BMI von 25 kg/m² spricht man von Übergewicht, ab 30 kg/m² von Adipositas – unterteilt in die Schweregrade I (30–34,9), II (35–39,9) und III (≥40, früher „morbide Adipositas“ genannt). Der BMI ist dabei nur ein grobes Screening-Instrument: Muskelmasse, Fettverteilung und Stoffwechselwerte sagen oft mehr über die tatsächliche Gesundheit aus als die reine Zahl.
Das Thema selbst hat mittlerweile ein enormes Gewicht erreicht. Laut Weltgesundheitsorganisation waren 2022 weltweit rund 2,5 Milliarden Erwachsene übergewichtig, davon etwa 890 Millionen adipös – knapp jeder sechste Erwachsene weltweit. Seit 1990 hat sich die weltweite Adipositas-Häufigkeit mehr als verdoppelt. Die WHO stuft Adipositas als chronische, rückfallgefährdete Erkrankung ein, die aus einem komplexen Zusammenspiel von Genetik, Neurobiologie, Essverhalten, Zugang zu gesunder Ernährung und Umweltfaktoren entsteht – ausdrücklich nicht als Frage von „Disziplin“ oder Willenskraft.

Auch in Deutschland zeigt der Trend nach oben: Nach Daten des Robert Koch-Instituts stieg die Adipositas-Prävalenz bei Erwachsenen zwischen 2003 und 2023 von 12,2 % auf 19,7 %.

Die Schlankeitspillen-Maschine lief wieder an, nur mit neuen Namen. 1997 kam der bis dahin größte Fall: Fen-Phen, eine Kombination aus Fenfluramin und Phentermin, über 18 Millionen Verschreibungen allein in den USA – bis sich herausstellte, dass der Wirkstoff Herzklappen schädigte. Es folgte einer der größten Arzneimittel-Vergleiche der Geschichte. 2008 traf es Rimonabant, in Europa zugelassen, wegen erhöhten Suizidrisikos wieder vom Markt genommen. 2010 folgte Sibutramine wegen erhöhten Herzinfarkt- und Schlaganfallrisikos – die US-Behörde fand den Wirkstoff Jahre später noch in Hunderten als „natürlich“ beworbenen Nahrungsergänzungsmitteln. 2020 traf es Lorcaserin, wegen erhöhten Krebsrisikos. Fünf Kapitel derselben Geschichte in weniger als hundert Jahren.

Hypnose und Gewicht: eine kurze Vorgeschichte

Diese Seite begann oben mit einer 200 Jahre alten Frage, die nie ganz verschwunden ist: ob das, was bei Hypnose passiert, echte Wirkung oder nur die Suggestion eines überzeugten Beobachters ist – eine Frage, die schon Mesmer und Gaßner im späten 18. Jahrhundert auseinandertrieb. Diesen Schatten der Skepsis trug die Hypnose auch mit, als sie sich im 20. Jahrhundert dem Thema Übergewicht zuwandte.
Institutionell kam die Anerkennung spät und zögerlich: Erst 1955 erklärte die British Medical Association, erst 1958 die American Medical Association Hypnose offiziell zu einem legitimen medizinischen Verfahren. Milton Erickson, der bis heute prägendste Name der modernen Hypnotherapie, arbeitete in genau diesen Jahrzehnten klinisch unter anderem an hartnäckigen Gewohnheiten und Symptomen – ohne dass daraus zunächst kontrollierte Forschung zum Thema Gewicht im heutigen Sinn entstand.
Die erste dokumentierte Beschäftigung mit Hypnose speziell bei Übergewicht, die sich in der Fachliteratur findet, ist eine 1966 veröffentlichte Fallserie des Zahnarztes und Hypnoseforschers Ira M. Kamens – „Hypnosis as an adjunct in obesity“ – noch keine kontrollierte Studie, aber der erste schriftliche Handabdruck des Themas überhaupt.

In dieser Zeit begannen auch Milton Ericksons Hypnosen sich alltäglichen Verhaltensmustern zu widmen – Rauchen, Schlaf und eben auch Essgewohnheiten –, zunächst jedoch fast ausschließlich anhand einzelner Fallberichte, nicht kontrollierter Studien.
Ab den 1970er-Jahren wurde „Hypnose zum Abnehmen“ zudem zu einem eigenen kleinen Verbrauchermarkt: Selbsthypnose-Kassetten fürs Wohnzimmer mit Abnehmversprechen verkauften sich in den USA gut – Teil einer breiteren Selbsthilfe-Konjunktur dieser Zeit – wissenschaftlich kaum begleitet, – lange bevor es dazu belastbare wissenschaftliche Untersuchungen gab. Fünfzehn Jahre nach Kamens‘ Fallserie kam schließlich, 1981, die erste kontrollierte Studie zum Thema.

Die Erforschung der Wirksamkeit: eine Geschichte mit Überraschungen

1981 veröffentlichten Wadden und Flaxman die erste kontrollierte Studie zu Hypnose bei Übergewicht – fünfzehn Jahre nach Kamens‘ erster Fallserie. Ein Jahr später fassten Wadden und Anderton die inzwischen vorliegende, noch kleine Literatur in einem vielzitierten Übersichtsartikel zusammen. Beide Arbeiten waren vorsichtig: Hypnose half, aber nicht spektakulär.
Das änderte sich 1995 schlagartig. Kirsch, Montgomery und Sapirstein veröffentlichten eine Meta-Analyse, die es in sich hatte: Wer zur Verhaltenstherapie noch Hypnose dazunahm, verlor angeblich fast doppelt so viel Gewicht wie ohne. Die Zahl machte die Runde – ein Ergebnis, das genau die Art von Durchbruch versprach, auf die eine noch junge Forschungsrichtung wartet.
Ein Jahr später kam die Ernüchterung. Allison und Faith prüften dieselben Daten nach und fanden einen Rechenfehler: Ein einzelner methodisch fragwürdiger Ausreißer unter den eingeschlossenen Studien hatte das Gesamtergebnis massiv nach oben verzerrt. Ohne ihn schrumpfte der beeindruckende Effekt auf einen deutlich bescheideneren, wenn auch immer noch positiven Wert zusammen – ein Bruchteil dessen, was 1995 gefeiert worden war.
Das ist, bei aller Ernüchterung, eigentlich die interessantere Geschichte als der ursprüngliche Hype: Wissenschaft, die sich selbst korrigiert, öffentlich, nachvollziehbar, ohne dass jemand etwas vertuschte. 2018 bestätigte eine neue, methodisch strengere Meta-Analyse von Milling und Kolleg*innen einen echten, aber moderaten Effekt von Hypnose zusätzlich zur Verhaltenstherapie – 2021 mit weiteren Studien noch einmal aktualisiert, bei ähnlichem Ergebnis. Genaue Effektstärken zu allen genannten Arbeiten finden Sie in der Tabelle unten.

Der hypnosystemische Blick aufs Abnehmen

Die bisher beschriebenen Studien untersuchen überwiegend eine eher klassische, direktive Hypnose: Suggestionen wie „Sie werden weniger Hunger verspüren“ oder Bilder eines „virtuellen Magenbands“. Als hypnosystemisch arbeitender Therapeut setze ich zusätzlich auf einen Ansatz, der in den 1990er-Jahren vor allem von Dr. Gunther Schmidt (Milton-Erickson-Institut Heidelberg) entwickelt wurde: die hypnosystemische Therapie und Beratung. Sie verbindet die auf inneres Erleben fokussierte Hypnotherapie nach Milton Erickson mit dem systemischen Blick auf Beziehungsmuster, Kontext und die eigene Lebensgeschichte.
Für das Thema Abnehmen bedeutet das vor allem eine andere Ausgangsfrage. Statt „Wie bekomme ich das Symptom weg?“ fragt der hypnosystemische Ansatz eher: „Wofür könnte das jetzige Essverhalten – bei aller Belastung, die es auch mit sich bringt – bislang gut gewesen sein? Und was würde fehlen, wenn es das nicht mehr gäbe?“ Diese Perspektive hat einen ernstzunehmenden fachlichen Resonanzboden: Eine vielzitierte Übersichtsarbeit im International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis (Entwistle et al., 2014) argumentiert, dass gerade hartnäckiges, „therapieresistentes“ Übergewicht häufig mit unbewussten, oft ursprünglich schützenden Funktionen verknüpft ist – Essen als Weg der Selbstberuhigung, als emotionaler Puffer, oder als unbewusste Fortsetzung familiärer Muster rund um Essen, Fürsorge und Körperbild. Mit dem hypnosystemischen „Modell innerer Anteile“ lassen sich solche gegenläufigen inneren Motive – der Teil, der abnehmen will, und der Teil, der das jetzige Verhalten aus guten Gründen beibehält – in Trance konkret ansprechen, würdigen und miteinander ins Gespräch bringen, statt sie zu bekämpfen.

Zur Einordnung: Kontrollierte Studien zu Hypnose bei Übergewicht reichen bis in die frühen 1980er-Jahre zurück (u. a. Wadden & Flaxman, 1981), ein viel zitierter Übersichtsartikel von Wadden und Anderton fasste diese Literatur bereits 1982 zusammen. Die erste Meta-Analyse folgte 1995 (Kirsch, Montgomery & Sapirstein). Das Thema wird also seit über vier Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht – die acht Studien unten sind eine Auswahl aktuellerer, besonders aussagekräftiger Arbeiten.

Hypnose-Studien zum Abnehmen

Studie

Design & Stichprobe
Ergebnisse

Einordnung

Bolocowsky et al.
1985

  • RCT, n = 109
  • Gruppe 1: KGV
  • Gruppe 2: KGV+Hypnose
  • Intervention: 9 Wochen-Programm
  • Follow-up nach 8 Monaten und 2 Jahren
  • nach 9 Wochen: beide Gruppen ähnliche Ergebnisse
  • nach 8-Monaten und 2-Jahren-Followups: Teilnehmer*Innen der KGV+Hypnose-Gruppe hatten signifikanten zusätzlichen Gewichtsverlust

Kleine Stichprobe

Stradling et al.
1998

RCT, 3 Gruppen, n=60

  • Hypnose-Arm mit Stressfokus zeigte nach 18 Monaten signifikanten Gewichtsverlust (–3,8 kg)

Kleine Stichprobe

Bo et al.
2018

RCT, n=120 (60 Hypnose+Selbsthypnose; 60 Kontrollgruppe)

  • bessere Sättigung, Lebensqualität und CRP-Wert
  • regelmäßige Selbsthypnose-Nutzer verloren mehr Gewicht und verringerten Kalorienzufuhr erheblich

Hohe Studienqualität

Greetham et al.
2016

24 Wochen dauernde Pilot-RCT, n=30

  • „Virtueller Magenband“-Hypnose und klassischer Entspannungshypnose wirken gleich gut

Pilotstudie

Milling et al.
2018

Meta-Analyse, 14 Studien

  • Große gepoolte Effektstärke (d=1,58) für Hypnose vs. Kontrolle

Metastudie

Erşan & Erşan
2020

Vorher-Nachher-Studie, n=32, ohne Kontrollgruppe

  • BMI-Rückgang sowie günstigere Hormonwerte (Leptin, Adiponektin, Irisin)

Ohne Kontrollgruppe

Roslim et al.
2021

narrative Übersichtsarbeit

  • Hypnose und Selbsthypnose sind in Kombination mit Ernährungsaufklärung vielversprechende Interventionen, um Patienten im Umgang mit Adipositas zu unterstützen

Literaturübersicht

Delestre et al.
2022

RCT n = 80 (41 in Hypnose-Gruppe mit acht Sitzungen Hypnose mit Selbsthypnose-Training; 39 in Kontrollgruppe) mit acht Monaten Follow-up

  • in Hypnose-Gruppe nach 8 Monaten geringerer Enthemmungswert
  • BMI-Wert in Hypnose-Gruppe signifikant geringer
  • Hypnose und Selbsthypnose können bei adipösen Personen mit hoher Disinhibition die tieferliegenden Mechanismen des Essverhaltens deutlich verbessern

Hohe Studienqualität

Untas et al.
2023

  • RCT n = 82
  • Interventionsgruppe (Hypnose + Ernährungsberatung)
  • Kontrollgruppe (nur Ernährungsberatung): 41 Personen
  • Intervention: 8 Gruppensitzungen (ca. alle 2 Wochen).
  • Hypnosegruppe zeigte im Vergleich zur Kontrollgruppe:
  • Signifikant mehr aufgabenorientiertes Coping
  • Signifikant weniger emotionsorientiertes Coping und Ablenkung
  • Mehr Energie/weniger Erschöpfung

Hohe Studienqualität

Resümee: Wo steht Hypnose beim Abnehmen heute?

Fasst man die Studienlage von 1981 bis heute zusammen, zeigt sich: Am robustesten belegt sind Verbesserungen beim Essverhalten, beim Sättigungsempfinden und bei der Lebensqualität – hier finden fast alle Arbeiten positive Effekte, unabhängig davon, wie umstritten einzelne Meta-Analysen zum reinen Gewichtsverlust ausgefallen sind. Beim direkten Gewichtsverlust selbst bleibt die Datenlage – wie die Geschichte der Kirsch-Kontroverse zeigt – uneinheitlicher: Manche Studien und Meta-Analysen finden große Effekte, andere, methodisch strengere, deutlich kleinere oder gar keine. Durchgängig interessant ist dabei, dass regelmäßig praktizierte Selbsthypnose einen nachweisbaren, eigenständigen Effekt auf Gewicht und Kalorienzufuhr zu haben scheint (Bo et al. 2018).

Eingeordnet in die Landschaft anderer Adipositas-Behandlungen: Aktuelle medizinische Leitlinien sehen eine Basistherapie aus Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und Verhaltensänderung als ersten Behandlungsschritt vor – genau in diesem Feld (Essverhalten, Motivation, Rückfallprävention) kann Hypnotherapie eine sinnvolle, wissenschaftlich untersuchte Ergänzung sein.


Seit wenigen Jahren gibt es zudem GLP-1-Abnehmmedikamente (Wegovy, Mounjaro, Saxenda, Ozempic) mit kurzfristigen Gewichtsverlusten von 14 bis über 20 %. Rezeptpflichtig und bei monatlich 130–500 €, bei 12–24 Monaten Behandlung kommen schnell 2.000–10.000 € zusammen – die gesetzlichen Kassen übernehmen das in der Regel nicht (außer bei Diabetes Typ2). Und die Wirkung hält nur, solange man spritzt: Nach dem Absetzen sind im Schnitt binnen eines Jahres etwa zwei Drittel des verlorenen Gewichts zurück.

Die Geschichte der Gesundheit und des Übergewichts gleichzeitig die Geschichte politischer Institutionen, die das Verhältnis von Staat und Bürger*Innen mittels Metaphern beeinflussen. Ich versteige mich vielleicht ein wenig, wenn ich sage, dass wir dadurch alle schon ein bisschen hypnotisiert sind. Ganz gewiss jedoch haben diese Metaphern einen Einfluss auf unser Erleben und Empfinden. Foucault meint, dass moderne Macht am wirksamsten ist, wenn Menschen die Norm so verinnerlichen, dass niemand mehr von außen kontrollieren muss. Die große Leistung der Hypnose kann es sein, diese Metaphern, die unser Körper-Erleben prägen, die also schon in unsere Körper eingeschrieben sind, zu erkennen und für Selbsterkenntnis zu nutzen, z.B. „Was wäre, wenn Santorio nicht auf Idee mit der Waage gekommen wäre. Wer bin ich, wenn ich dick bin? Wer wäre ich, wenn ich dünn wäre?“

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